
Do van Ranst: Wir retten Leben, sagt mein Vater
Wenn man die Kurve nicht mehr kriegt, verfehlt man sein Ziel und landet irgendwo, wo man eigentlich nicht hinwollte. Im neuen Jugendroman des belgischen Autors Do van Ranst ist dies das Haus der fünfzehnjährigen Ich-Erzählerin, das in einer Kurve steht, mit der niemand rechnet.
Hamburg: Carlsen 2006
Wenn man die Kurve nicht mehr kriegt, verfehlt man sein Ziel und landet irgendwo, wo man eigentlich nicht hinwollte. Im neuen Jugendroman des belgischen Autors Do van Ranst ist dies das Haus der fünfzehnjährigen Ich-Erzählerin, das in einer Kurve steht, mit der niemand rechnet. Sieben Autofahrer sind bereits in ihrem Wohnzimmer gelandet, der erste Unglückliche war seinerzeit ihr Vater. Der letzte ein junger Mann namens Zack, der seine leichten Verletzungen auf dem Sofa ausheilt und als Übungsobjekt für ihr erotisches Selbstfindungsprojekt herhalten soll. Für den Vater sind die Unfälle, die - siehe Titel - Leben retten, Sinngebungen in einer sinnlos gewordenen Existenz, für die Mutter Ausbrüche einer ständig lauernden Gefahr, für die Tochter Hoffnung und Versprechen auf ein neues, anderes, aufregenderes Leben.
Nichts ist sicher in einem Haus, das jederzeit von einem Auto gerammt werden kann – ein Leben in Wartestellung. Der Vater führt es in resignativer Akzeptanz, die Großmutter in absolutem Schweigen, die Mutter in kämpferischer Opposition. Und dazwischen die Ich-Erzählerin mit ihren von Märchenprinzen belebten Tagträumen.
Konfliktpotential gibt es in diesem Setting genug, Liebe ist entweder ein vergessenes, ein unerwidertes oder ein noch unbekanntes Gefühl. Die Eltern tragen ihre Machtkämpfe recht unverhohlen aus, die lesbische Freundin der Ich-Erzäherin, Sue, versucht ihre unglückliche Liebe mit provokanten Aktionen zu bewältigen, die Hauptdarstellerin selbst kennt zwar Sehnsucht, weiß aber noch nicht genau wonach.
So wie sich das Haus in eine Risikozone und einen bewohnbaren Teil gliedert, so lebt die Protagonistin einerseits in vertrauten und andererseits in gefährlich-unbekannten oder zumindest verwirrenden Bereichen. Letztere überwiegen.
Die halbe, niemals fertig gebaute Brücke am Ende der Strasse zieht sie den mütterlichen Verboten zum Trotz magisch an. Ein ins Nirgendwo führender Ort, Symbol für ein Leben an der Grenze zum Erwachsenwerden, in dem es viel mehr Fragen als Antworten gibt: Wie ihr Großvater gestorben ist, was dort in der Nacht wirklich vor sich geht. Die Ich-Erzählerin, teilweise noch sehr kindlich-naiv in der Wahrnehmung ihrer Umwelt, durchschaut die Zusammenhänge erst spät. Der Leser kann sich die Dinge aus ihren Schilderungen schon früher als sie selbst zusammenreimen; nur einer der erzählerischen Kunstgriffe in einem sehr klug komponierten Buch, das kein Detail ohne Sinn oder Hintergrund bringt.

Trocken – lakonisch im Tonfall balanciert der Text zwischen Skurrilität und Tragikkomik, berührt durch die Intensität der jugendlichen Selbstfindungssuche, konfrontiert mit der Thematisierung von Sexualität, die ehemals tabuisierte Bereiche auch sprachlich sehr unverblümt darstellt. Ohne laute Effekthascherei, aber ungewöhnlich und in einzelnen Szenen sehr provokant.
„Wir retten Leben, sagt mein Vater“ ist exemplarisches Beispiel für eine Variante der Jugendliteratur, die nichts mehr mit wohlmeinend – aufklärerischer Erziehungsliteratur zu tun hat, eine Jugendliteratur, an der sich die Geister scheiden können. Schnelles Kurvenfahren ist eben immer auch ein Grenzgang. In diesem Fall ein gelungener.