
Steven Herrick: Wir beide wussten, es war was passiert
„Ich liebe den Ort, das Strömen des eiskalten klaren Wassers über die Steine, die Akazien am Ufer, die sonnenhungrigen Eidechsen, wie sie horchend den Kopf heben."
Stuttgart: Thienemann 2016
„Ich liebe den Ort, das Strömen des eiskalten klaren Wassers über die Steine, die Akazien am Ufer, die sonnenhungrigen Eidechsen, wie sie horchend den Kopf heben. […] Die Hälfte meiner Schultage hab ich hier draußen verbracht mit Büchern, geklaut aus dem Megalong-Buchladen, wo mich der alte Tom Whitton für seinen besten Kunden hielt, während ich mit jedem Buch, das ich kaufte, drei andere unter der Jacke nach draußen schmuggelte. Im zehnten Schuljahr fiel ich in allem durch, nur nicht in Englisch. Ich kann lesen. Ich kann träumen. Ich kenne die Welt, all das, was ich wissen muss, hab ich in meinem Lieblingsklassenzimmer am Westfield-Creek aus Büchern gelernt.“
Mit nur 50 Dollar in der Tasche trampt der 16jährige Billy los, lässt seinen saufenden und schlagenden Vater hinter sich. Schon nach kurzer Reise landet er in Bendarat, wo es alles gibt, was er braucht: den ausrangierten Waggon 1864 am Güterbahnhof inklusive Sitzbank zum Schlafen, eine Bibliothek mit verständnisvoller Bibliothekarin, Apfelplantagen rundum und einen warmen Mc Donalds mit Essensresten. In dieser Kleinstadt am Rande von Nirgendwo trifft er Old Bill, den alten Penner, der im Nachbarwaggon haust, weil er nach dem Tod seiner kleinen Tochter keinen Zugang mehr zu seinem alten Leben findet. Und er trifft Caitlin, die nach der Schule bei Mc Donalds putzt, nicht, weil sie müsste, ihre Eltern sind stinkreich, sondern weil sie es will. Gerade um von diesen Eltern wegzukommen. Drei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch eint sie vieles, vor allem das Ringen darum, ihre Würde zu bewahren, allen Umständen zum Trotz.
Und so wird aus der singulären Erzählerstimme ein Wechsel aus drei Perspektiven. Billy und Caitlin, der Obdachlose und die Tochter aus gutem Hause, die sich ineinander verlieben, glücklich, auf Augenhöhe. Billy und Old Bill, die Freunde werden, über alle Alters- und Erfahrungsgrenzen hinaus, eine Freundschaft, in der sich zuerst der Jüngere um den Älteren kümmert und dann der Erwachsene dem Jungen ein neues Leben ermöglicht. Und damit auch Caitlin.
Steven Herricks „Wir beide wussten, es war was passiert“ bewegt sich wie an einer australischen Songline entlang. Da schreibt einer, der ein feines Ohr hat für Rhythmus und Klang, der es gerne hat, wenn Sprache ruhig dahin fließt, Wert auf Klarheit und Struktur legt.
Mit großer Präzision gliedert sich der Versroman in seine lyrischen, jeweils übertitelten und mit dem Namen des Sprechers versehene Miniaturen, einseitige, eineinhalbseitige Passagen in einem der Gedichtform entsprechenden Seitenspiegel. Es ist Uwe-Michael Gutzschhahn zu danken, der sich neben all seinen anderen Verdiensten als Übersetzer seit Jahrzehnten auch um die Übertragung und Repräsentanz von kinder- und jugendliterarischer Lyrik bemüht, dass sich die deutsche Übersetzung wie aus einem Guss liest, rund und weich und leicht.

„Er war ganz ruhig, wirkte kein bisschen besorgt, dass er erwischt werden könnte, oder schämte sich, Reste zu stehlen. Er schien im Einklang mit sich, wie wenn er wüsste, er musste essen, und dass dies der einfachste Weg war. (…) Dann ging er, langsam und ganz bei sich, und so ruhig, so ruhig.“
„A simple gift“, lautet der Originaltitel, und das trifft auf das ganze Buch zu. Unbedingte Leseempfehlung für alle, die es gerne langsam und ruhig und schön haben, nicht nur vor Weihnachten.