
Peter van Gestel: Wintereis
Amsterdam 1947. Der Krieg ist schon fast zwei Jahre vorbei und immer noch zu spüren. Thomas' Vater ist arbeitslos, alles ist zu teuer – Kohlen, Margarine, Käse.
Weinheim: Beltz & Gelberg 2008
„Schnee von früher der nicht schmelzen will“. Mit diesen Worten aus der Feder seines Schriftstellerkollegen Remco Campert eröffnet der holländische Autor Peter van Gestel seinen neuen Jugendroman „Wintereis“. Und gibt damit den Bilderrahmen vor, in dem sich das Buch bewegt: Wie gefrorener Schnee liegt die Vergangenheit auf den Gefühlen der Menschen, von denen darin erzählt wird.
Amsterdam 1947. Der Krieg ist schon fast zwei Jahre vorbei und immer noch zu spüren. Thomas´ Vater ist arbeitslos, alles ist zu teuer - Kohlen, Margarine, Käse; wenn es einmal warm ist in der Wohnung, ist das schon ein Feiertag. Doch dann findet der Vater Arbeit, in Deutschland, ausgerechnet bei der Zensurbehörde, und Thomas, dessen Mutter an Typhus gestorben ist, zieht zu seinem Mitschüler Zwaan und dessen Cousine Bet. Sie sind jüdischer Abstammung, Zwaan hat beide Eltern im Konzentrationslager verloren, Bet ihren Vater. Bets Mutter, bei der sie nun leben, ist mit ihrem Schicksal nicht fertiggeworden, verwirrt und psychisch abwesend. So sind die drei Kinder mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Langsam entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ihnen, vorsichtig tasten sie sich aneinander heran, lernen wieder, Vertrauen und Gefühle zuzulassen.
„Ich möchte meine Geschichte erzählen – die Geschichte von Zwaan und mir und von Bet und mir und von der Kälte und dem Wintereis in Amsterdam und vom Tauwetter, das allem ein Ende machte.“ schreibt Peter von Gestel und zieht wiederum eine Parallele zwischen Außen- und Innenwelt. Die Beziehung zwischen den drei Kindern bringt die Verhärtungen, mit dem sie sich vor neuen Verletzungen schützen, zum Schmelzen.
Der erzählerische Sog des Romans entsteht aus einer stillen, bilderreichen Poetik wie aus den amüsanten Dialogen und inneren Monologen des Ich-Erzählers, beides gleichermaßen und in homogenem Wechsel: Die Vielschichtigkeit des Textes fasziniert.

Dann, wenn Thomas auf seine eigene, geistreiche und pointierte Art die Ereignisse und Menschen beschreibt und kommentiert: seine kindliche Verliebtheit in die kühle Bet, den messerscharfen Intellekt von Zwaan, die Überforderung seines künstlerisch orientierten chaotischen Vaters: Es ist auch die Geschichte einer außergewöhnlichen Vater – Sohn – Beziehung. Zuneigung und Liebe kann sich auf vielfältige und manchmal auch umständliche Art ausdrücken.
Hier haben die Kinder die Rolle von Erwachsenen übernommen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt: Bet tut alles, um ihre kranke Mutter zu schützen und den Alltag zu organisieren, Zwaan analysiert die Ereignisse mit frühreifem Intellekt, Thomas übernimmt die Verantwortung für sein Leben selbst. Am Ende wird Zwaan nach Amerika auswandern, Bet weiter versuchen, nicht nur erwachsen, sondern auch einfach eine Jugendliche zu sein, und Thomas lebt wieder mit seinem aus Deutschland zurückgekehrten Vater zusammen. Doch sein Alleinsein ist jetzt nicht mehr Einsamkeit – die Beziehung zwischen den drei Kindern wird weiter bestehen, auch wenn sie sich nicht mehr sehen.
Als Thomas rückblickend erzählt, ist Hochsommer: „Der heißeste Sommer, den ich je erlebt habe.“ Das Eis ist geschmolzen.