Andrew Smith: Winger

„It´s a man´s world“ in Andrew Smiths neuem Jugendroman „Winger“. Na ja, eigentlich eher “a boy´s world“.

Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring
Hamburg: Königskinder 2016


„It´s a man´s world“ in Andrew Smiths neuem Jugendroman „Winger“. Na ja, eigentlich eher “a boy´s world“. Von Männlichkeit ist der Ich-Erzähler denkbar weit entfernt. Hier wogen die Hormone eines vierzehnjährigen Teenagers, für den praktisch jedes weibliche Wesen entweder „heiß“ oder „ziemlich heiß“ ist, hoch. Dabei zeichnet sich Ryan Dean durch außergewöhnliche Intelligenz aus, er ist nicht nur einsamer Klassenbester, sondern auch noch zwei Jahre jünger als alle anderen in der Elften. Doch Hochbegabung schützt nicht davor, sich in der Gegenwart von Mädchen komplett zum Affen zu machen, und erst recht schützt sie nicht davor, von den stärkeren Jungs kopfüber in die Kloschüssel gesteckt zu werden – die Szene, mit der wir in das Buch einsteigen.

Das Pine Mountain Internat, an dem vernachlässigte Reichenkinder zur Raison gebracht werden sollen, ist ein hartes Pflaster. Ryan Dean passt dorthin wie eine Rennmaus in ein Mardergehege, und dann kommt er auch noch in das Wohnhaus für die richtig üblen Jungs. In das Zimmer von Chas Becker, „groß und breit wie ein Baum und ungefähr so intelligent“. Um dort zu überleben, muss er mit den bösen Buben pokern, trinken und absurde Strafaufgaben absolvieren. Glücklicherweise steht ihm Joey zur Seite, der Kapitän seiner Rugbymannschaft, klug, sensibel, schwul. Was alle wissen, doch niemand hat ein Problem damit. So meint zumindest der Ich-Erzähler… Viel wichtiger als alles andere ist jedoch Annie – schon lange ist Ryan Dean unrettbar in seine beste Freundin verliebt. Was ihn nicht daran hindert, mit Megan rumzumachen, die eigentlich mit Chas zusammen ist, ausgerechnet. Aber was soll Ryan machen, wenn sie das so will? Und er will es ja auch, irgendwie, schließlich ist sie der Inbegriff von „heiß“.

„Winger“ erzählt von einem Jungen, der sich selbst als mickerärschigen, schwachen, selbstmitleidigen Loser sieht, obwohl er durchaus Freunde hat und die Mädels ihn offensichtlich ziemlich süß finden – Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung driften mitunter weit auseinander. Es erzählt von den ungeschriebenen Gesetzen in einer Gemeinschaft von Jugendlichen, von Hierarchien, Regelverstößen, von Solidarität und Verrat, von Eifersucht, Gewalt und sogar von Tod. Je mehr sich das Buch dem Ende nähert, desto mehr nimmt seine dramatische Seite Fahrt auf.

Andrew Smith präsentiert uns einen klassischen Anti-Helden, der immer wieder hart an der Grenze entlang schrammt, bis zu der man ihn sympathisch finden könnte. Wenn er in pubertär-egozentischer Beschränktheit keinen Gedanken an die Gefühle anderer verschwendet oder ihnen, wenn sie ihn schon förmlich anspringen, schlicht keine Bedeutung beimisst. Wenn er sich selbst als seinen Trieben hilflos ausgelieferten „Wolfsjungen“ überhöht, obwohl er sich einfach nur wie ein Vollidiot aufführt. Aber womöglich gibt es hier unterschiedliche Lesarten je nach Geschlecht.

Cover
„Winger“ ist ein hervorragend für Jungs geeigneter Text: Bruchlos und ohne Wenn und Aber aus der Perspektive eines männlichen Vierzehnjährigen geschrieben, präsentiert er sich außerdem als Hommage an den Rugbysport. Nicht umsonst trägt das Buch Ryan Deans Spitznamen, den er aufgrund seiner Flügelposition bekommen hat. Doch langweilig oder banal ist dieses literarische Pubertätsfestival nicht. Dazu ist es viel zu lustig – glücklicherweise ist unser Ich-Erzähler mit staubtrockenem Humor gesegnet:

„Nichts, was auch nur entfernt nach disziplinlos oder unkonventionell roch, wurde an der PM geduldet. Nicht einmal Bartwuchs. Nicht dass ich in der Beziehung irgendetwas zu befürchten hatte. Ich hatte an der PM schon Mädchen gesehen, die eher gegen diese Vorschrift verstießen als ich.“

Dazu kommt die formale Umsetzung des Buches - in den klassischen Erzählstrang integriert sind Ryan Deans Comiczeichnungen, mit denen er Erlebtes reflektiert oder mit Annie kommuniziert. Sie stammen übrigens nicht aus der Feder des Autors, sondern von Sam Bosma, einem renommierten amerikanischen Illustrator. Es gibt weiters fiktive, wie in einem Theaterstück arrangierte innere Dialoge, und immer wieder lesen wir Passagen als vermeintlich faktische direkte Rede, die der Protagonist unmittelbar danach als Gedankenspielerei korrigiert: „Na gut, das ließ ich aus, aber gern gesagt hätte ich es schon.“

So variabel wie die äußere Form des Textes ist auch die Übersetzungsleistung von Hans-Ulrich Möhring, der vor allem in den Dialogen sprachliche Punktlandungen setzt. „He, sorry, Ryan Dean“, entschuldigt sich Jean Paul, nachdem er seinem zum Rivalen mutierten Freund ein Cut schlägt. Dessen Replik: „Ja, wurscht“. Was für eine schöne Kommunikations-Miniatur.

Andrew Smith versteht es, das Leseinteresse hoch zu halten, und das über mehr als vierhundertfünfzig Seiten. Am Ende ist man als erwachsene Leserin erstens froh, weiblich zu sein, und zweitens, die Pubertät lange hinter sich zu haben.

Karin Haller