
Monika Pelz: Winchester Mystery
Fenster, hinter denen nur eine Wand liegt, kunstvolle Treppen, die an der Decke enden, Geheimtüren und Spinnennetz-Muster, 13 Stufen, die hinunter in das 13. Badezimmer führen: Das ist der Stoff, aus dem geheimnisumwobene Häuser gemacht sind.
Fenster, hinter denen nur eine Wand liegt, kunstvolle Treppen, die an der Decke enden, Geheimtüren und Spinnennetz-Muster, 13 Stufen, die hinunter in das 13. Badezimmer führen: Das ist der Stoff, aus dem geheimnisumwobene Häuser gemacht sind. 38 Jahre lang, von 1884 bis 1922, baute Sarah Winchester an diesem viktorianischen Bau in San José, der immer stärkere labyrinthische Ausmaße mit unzähligen Fenstern, Türen, Treppen und Gängen annahm. Durch den unablässigen Ausbau ihres Hauses inklusive okkult-mystischer Vorkehrungen wollte sie die Geister bannen. Denn als Witwe des Gewehrfabrikanten William Winchester verfügte sie nicht nur über eines der größten Vermögen der USA, sondern fühlte sich auch am Tod von Tausenden mitschuldig.
Das bis heute zu besichtigende Sightseeing-Unternehmen spiritistischer Prägung hat Monika Pelz zum Ausgangspunkt ihres neuen Jugendromans „Winchester Mystery“ gewählt. Dabei erzählt die preisgekrönte österreichische Autorin keine Spukgeschichte, sondern nicht weniger als die Geschichte Kaliforniens.
Die junge Jezebel Li arbeitet in den 20er Jahren als Obstpflückerin in den Plantagen, das hinter hohen Mauern verborgene Winchester House sieht sie ebensowenig wie die exzentrische Besitzerin selbst, die ihr Haus nicht mehr verlässt. Fasziniert saugt das Mädchen alle sich darum rankenden Gerüchte und Geschichten auf, die ihr von Bediensteten zugetragen werden, und erzählt sie dann abends den anderen Pflückern weiter. Als eines Tages Arthur Bennett, ein Großneffe von Sarah Winchester, in San José eintrifft, verändern sich die Zusammenkünfte in der Salbeischlucht. Zwischen dem aus der weißen Oberschicht stammenden Arthur, dem mexikanischen Manuel und der halbchinesischen Jezebel entwickelt sich ein Spiel mit ernstem Hintergrund. In einem Gerichtsverfahren soll die Frage geklärt werden, was den Weißen das Recht gibt, sich als die Herren des Landes zu fühlen und alle anderen Ethnien auszubeuten und zu unterdrücken. Art übernimmt als Vertreter der Winchesters die Rolle des Angeklagten – war doch das berühmte Repetiergewehr die Waffe, mit der die Indianer scharenweise getötet wurden: „The gun, that won the west“. Am Ende des Spiels steht der Versuch, Mrs. Winchester von den Geistern der Vergangenheit zu befreien.Die promovierte Historikerin Monika Pelz hat auch für diesen Roman umfangreiche Recherchen angestellt und integriert ihr Wissen mit kunstvoller Leichtigkeit in den Text. Von der Schlacht am „Wounded Knee“, bei der 1890 die indianische Befreiungsbewegung unter dem legendären Häuptling „Sitting Bull“ endgültig niedergeworfen wurde, ist etwa genauso zu lesen wie von den Gleisverlegungen der Pacific Railway in den 1860ern, bei denen Chinesen zu Tausenden an Hunger und Entkräftung starben. Und noch von vielem mehr.

Sprachgewandt und sicher in der Wahl ihrer Bilder gestaltet die Autorin die Atmosphäre ihrer Schauplätze: Das geheimnisvoll-faszinierende Haus ebenso wie die abendlichen Treffen in der nach Präriesalbei duftenden Schlucht, bei denen traditionelle amerikanische Folksongs gesungen werden. Im Originaltext mit Übersetzung und auch für den erwachsenen Leser eine wunderbare Anregung, sich mal wieder Bluegrass-Bands anzuhören.
Denn wie in vielen ihrer Romane richtet sich Monika Pelz nicht nur an ein jugendliches Publikum, sondern an alle, die ihre Freude an schön erzählten Texten mit Tiefgang und historischem Hintergrund haben. Egal welchen Alters.