Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Jay Gatsby, die legendäre Figur von F. Scott Fitzgerald, ist für Benedikt ein Idol.

München-Berlin: Berlin Verlag 2018
256 S. | € 20,60


Jay Gatsby, die legendäre Figur von F. Scott Fitzgerald, ist für Benedikt ein Idol. Ein Künstler und Gentleman, der alle „mit Orchester und Feuerwerk ablinkt“, „a true master of fake and illusion“. Diese Interpretation wird von Benedikts Englischlehrerin nicht geteilt: „Gentleman? Money comes from organized crime! Moral Issues?“

Nun sind „moral issues“ eine eher dehnbare Kategorie für den knapp 16-jährigen Ich-Erzähler in Thomas Klupps neuem Roman „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“. Seit Jahren fälscht Benedikt Unterschriften, Schulaufgaben, Zeugnisse. Aus seiner Sicht bleibt ihm gar nichts anderes übrig. Die Wahrheit, dass nämlich die zwingend zu erreichende Eins in den Naturwissenschaften nicht möglich ist, ist seiner Mutter schlicht nicht zumutbar. Weshalb er das Lernen gleich ganz bleiben lässt und sich lieber durchmogelt. Zumal er sich ja in seiner Familie diesbezüglich in guter Gesellschaft befindet: Seit dem Umzug von München in die Oberpfälzer Kleinstadt Weiden hat sich seine Mutter eine neue Biografie gezimmert, weit weg von dem Bauernhof, auf dem sie in Wahrheit aufgewachsen ist. Ein strahlendes Außen für die „Weidner Lady Lions“, ein unter Minderwertigkeitskomplexen leidendes depressives Inneres darunter. Der aufrichtigste Mensch in seiner Umgebung ist für Benedikt sein hauptsächlich abwesender Chirurgen-Vater. Dass der Keller, in dem sich Antiquitäten stapeln, steuerschonend als Notfallpraxis deklariert ist, ist dabei ein vernachlässigbares Detail.

In dem Mikrokosmos Weiden wird getarnt und getäuscht, wohin das Auge reicht. Benedikt und seine Freunde Vince und Prechtl, die selber ganz gerne kiffen, promoten als Vertreter der Schultennismannschaft eine Anti-Drogenkampagne der Stadt, die Plakate sind mit Photoshop bearbeitet, auf Facebook sind frisierte Profilbilder und falsche Geburtsdaten eher die Regel als die Ausnahme, ein von seinem sportlichen Kurzzeit-Ruhm beeindrucktes Mädchen bietet dem überraschten Benedikt eine Fake-Beziehung an, um ihr Image aufzupolieren.

Abgesehen von seiner ständigen Angst, aufzufliegen, lebt Benedikt ein eher unspektakuläres Kleinstadt-Teenager-Leben; Wochentags trainiert er für die Tennis-Schülermeisterschaften, an den Freitagabenden lässt er es mit seinen Freunden auf den Butterhof-Partys krachen. Richtig exzessiv wird es nie, schon gar nicht mit Mädchen, für Benedikt ein erklärtermaßen „komplexes Thema“. Er ist ja grundsätzlich mehr der reaktive Typ.
„Konnte Marietta nicht wissen, aber Schlussmachen ist das Schlimmste für mich. Hölle pur. Bring ich nicht übers Herz. Hab ich noch jedes Mal die Mädchen erledigen lassen, bin ich einfach zu soft dafür.“ (S. 45)

Cover
So sind auch seine Betrügereien keine Akte des Bösen, sondern hilflos anmutende Reaktionen auf nicht in seiner Macht liegende Ereignisse, und außer weiteren Lügen fällt ihm einfach nichts ein. So lässt es sich auch erklären, warum dieser Protagonist trotz eher fragwürdiger Moral ein so starker Sympathieträger ist, dem man wünscht, nicht aufzufliegen, sondern davonzukommen. Sogar, als die Aktionen seiner Schadensbegrenzung immer verzweifelter und irrwitziger werden. Bei alledem gibt er niemals die Verantwortung ab für das, was er tut, geriert sich nicht als Opfer der Verhältnisse. Wo ein anderer Ich-Erzähler möglicherweise belastende Wohlstandsverwahrlosung andeuten würde, kommentiert Benedikt das Verhalten seiner Mutter gut gelaunt: „Ist sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder mit der Welt oder mit sonst irgendwas. Lässiger Zug von ihr. Hat schon so manche Situation entschärft.“

Dieser Ich-Erzähler jammert nicht, er wird höchstens panisch. Reflexion ist nicht seine größte Stärke, Reduktion schon eher, übrigens auch im sprachlichen Ausdruck. Da kann schon mal ein Verb ausfallen. „Prechtl gibt sein Bestes, betroffen zu gucken, doch dazu fehlen ihm die passenden Muskeln. Betroffenheit mimisch glasklar nicht sein Ding.“

Thomas Klupp, der mit „Paradiso“ 2009 fulminant debütierte, baut in „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ „eine Welt, in der fast alle auf ihre Weise blenden, fälschen und faken: von den Eltern über andere Freunde bis hin zur Schulleiterin.“ „So hat man“, meint er in einem Interview, „ein Soziogramm einer fälschenden Kleingesellschaft. Das ist ein Thema, das in unsere Zeit gehört.“
Fraglos. Klupp schreibt jedoch darüber mit sehr viel Humor, Witz und Pointenreichtum, und zwar ohne das Thema oder gar die Figuren zu verblödeln. Absolute Leseempfehlung, nicht nur für Freunde der gemäßigten Anarchie.

Karin Haller