Jenny Valentine: Wer ist Violet Park?

Es ist in Büchern von zahllosen schicksalhaften Begegnungen zu lesen, die dem Leben der Hauptfigur einen neuen Verlauf geben, zum Guten wie zum Bösen. Normalerweise sind die Menschen, die diese Rolle übernehmen, noch ziemlich lebendig. Nicht so in Jenny Valentines Debutroman „Wer ist Violet Park?“

Übersetzt von Klaus Fritz
München: dtv (Reihe Hanser) 2009


Es ist in Büchern von zahllosen schicksalhaften Begegnungen zu lesen, die dem Leben der Hauptfigur einen neuen Verlauf geben, zum Guten wie zum Bösen. Normalerweise sind die Menschen, die diese Rolle übernehmen, noch ziemlich lebendig. Nicht so in Jenny Valentines Debutroman „Wer ist Violet Park?“

„Ich traf Violet, nachdem sie gestorben war, aber das hielt mich nicht davon ab, sie kennenzulernen.“ Zufällig stößt der 16jährige Lucas Swain in einer Taxizentrale auf eine vergessene Urne. Jahrelang steht sie schon dort, für den sensiblen, nachdenklichen Jungen ein unerträglich unwürdiges Schicksal. Mit Hilfe seiner Großmutter rettet er Violet Park. Und als er sich daran macht, das Geheimnis dieses vergessenen Lebens zu lüften, enthüllt sich ihm auch das Rätsel, das sein eigenes Leben überschattet.

Denn vor fünf Jahren ist sein Vater über Nacht spurlos verschwunden, hat die Familie im Zustand des Wartens, Hoffens, Nichtwissens zurückgelassen. Alle gehen auf ihre eigene Weise damit um: Die Mutter ist vorwiegend wütend und will vergessen, Großmutter Pansy will sich erinnern, die ältere Schwester verbarrikadiert sich in Teenager-Exzessen, Lucas selbst verwandelt sich in das Ebenbild seines Vaters Pete, trägt seine Anzüge und Hemden, stilisiert ihn zu einer Art mythischem Übervater. Bis er durch die Lektüre des mütterlichen Tagebuches, durch Gespräche mit einem Freund der Familie und vor allem durch seine Nachforschungen über Violet Parks Leben nach und nach die Wahrheit entdeckt.

Violets Urne wird für Lucas zwar nicht zur Büchse der Pandora, aber doch zu einem Gefäß, das – einmal geöffnet – mehr und mehr Familiengeheimnisse preisgibt, ganz am Ende auch, wieso und wohin sein Vater verschwunden ist. Denn Violet Park und Pete Swain kannten sich…

Jenny Valentine erzählt diese außergewöhnliche Geschichte spannend und komisch, Sprachwitz verbindet sich mit Situationskomik, eine dramaturgisch klug aufgebaute Handlung mit originell-charmanten Einfällen. Dabei beweist die junge englische Autorin viel psychologisches Gespür für die Dynamik innerhalb einer Familie. Violet Park wird für Lucas zum Anlass, genauer hinzuschauen, Annahmen und einmal gebildete Meinungen neu zu hinterfragen, sich mit allen Familienmitgliedern näher auseinanderzusetzen: mit seiner Mutter genauso wie mit seinen Geschwistern und Großeltern – und natürlich mit seinem Vater.

Cover
Die Autorin widmet sich den Figuren mit viel Liebe zum aussagekräftigen Detail, schafft bemerkenswerte Charaktere, allen voran auch die energiegeladene Großmutter Pansy, legt das Innenleben ihres Ich-Erzählers mit analytischen inneren Monologen frei. Lucas ist vielleicht nicht der klassische Jugendliche von nebenan, aber es trifft auch zu, dass er – wie er dem Leser versichert – nicht so verrückt ist, wie er sich anhört. Er denkt viel nach, führt in seinem Kopf Listen und fühlt sich einer alten Dame in einer Urne freundschaftlich verbunden – aber genauso verliebt er sich und geht zur Schule, streitet mit seiner Schwester und seiner Mutter, kümmert sich um den kleinen Bruder.

Das Buch „Wer ist Violet Park“ beantwortet im Grunde die Frage: „Wer ist Lucas Swain?“ Es ist die holprige Suche nach seiner eigenen Identität, die den Jugendlichen mit der Urne im Gepäck um- und antreibt, bis aus dem Nichtwissen Wissen, aus den Fragen Antworten werden. Und Violet Parks Asche wird so, wie sie es wollte, in die Themse gestreut. So finden am Ende beide ihre Ruhe. Diese Begegnung war für den Erzähler definitiv eine Wendung zum Guten. Nächstes Jahr erscheint ein neuer Titel der Autorin: „Kaputte Suppe“. Man darf gespannt sein.

Karin Haller