
Que Du Luu: Vielleicht will ich alles
„Nachdem meine Mutter mir die abgebrochene Bierflasche in den Bauch gerammt hatte, war für mich Schluss.“
„Nachdem meine Mutter mir die abgebrochene Bierflasche in den Bauch gerammt hatte, war für mich Schluss.“ Man kann Que du Luu nicht vorwerfen, in ihren neuen Roman „Vielleicht will ich alles“ zu langatmig einzusteigen. Und sie hält das Tempo über dreihundert Seiten lang bravourös durch.
Auch wenn der 16jährige Addi nicht das eigentliche Ziel der eingangs zitierten Attacke ist, sondern Kollateralschaden in einer der häufigen elterlichen Auseinandersetzungen – irgendwann reicht es ihm. Er steigt aus dem Fenster und macht sich auf einen nächtlichen Streifzug durch die Stadt, der allerdings nicht viel friedvoller verläuft. Ungewollt gerät er in Prügeleien, verteidigt aus einem spontanen Beschützer-Instinkt heraus einen zwar erwachsenen, aber völlig wehrlosen Sonderling vor zwei Skinheads. Der liebenswert-durchgeknallte, bestialisch stinkende ehemalige Mathematikprofessor, den Addi kurzerhand Balduin tauft, wird ihn das ganze Buch hindurch begleiten. Und auch die beiden Skinheads werden wieder auftauchen, nämlich ausgerechnet als die Söhne des neuen Liebhabers der Mutter, mit dem diese nach der Trennung von Addis Vater zusammenziehen will. Was Addi zur Gründung einer Wohngemeinschaft bewegt.
Doch bis es soweit ist, passiert eine ganze Menge. Denn der Ich-Erzähler hat sich nicht nur mit seiner cholerischen Mutter und dem weinerlich-egozentrischen Vater herumzuschlagen, vor allem will er einem Mädchen näher kommen: Alicia, eine eigenwillige Roma, die es ihm nicht so leicht macht wie die anderen. Für sie legt er sich mit einer ganzen Schulklasse an oder lässt von Alicias mit Schrott handelnden Brüdern eine voll funktionsfähige Waschmaschine abholen.
Immer mehr entfernt sich Addi von seinen ehemaligen Freunden, die ihm mit ihrem eingeschränkten Interesse an Fußball und Saufereien nichts mehr geben, findet seine emotionale Heimat bei den Außenseitern, bei Mitschülern wie Jonas oder Jessica, deren Intelligenz und Sensibilität mehr wiegt als optische Attraktivität. Es sind diese Jugendlichen, die so etwas wie soziale Kompetenz besitzen, sich umeinander kümmern und auch Exzentriker wie Balduin mitsamt seinem Gestank akzeptieren, ohne ihn ändern zu wollen.
Denn darum geht es. Um die Suche nach jemandem, der einen so wahrnimmt, wie man ist, der einem Halt gibt. Nicht umsonst ist dem Buch ein Kafka-Zitat vorangestellt: „So wenig ich sein mag, niemand ist hier, der Verständnis für mich im Ganzen hat.“

Bei ihrer Suche nach Liebe und Geborgenheit, nach Glück und ihrem Platz im Leben sind die Jugendlichen also auf sich allein gestellt, und natürlich verläuft diese Suche nicht geradlinig, sondern auf verschlungenen Pfaden, auf denen Du Luu ihre Figuren immer wieder mehr oder weniger zufällig zusammen führt. Was insofern gut funktioniert, als wir uns nicht in einer Großstadt, sondern in Bielefeld befinden, größenmäßig etwa mit Graz vergleichbar. Die junge Autorin, gebürtige Vietnamesin chinesischer Abstammung, die seit frühester Kindheit in Deutschland lebt, verleiht ihrer Wahlheimat starke Präsenz, in ihrem ersten Buch „Totalschaden“ genauso wie in diesem Roman. Bielefeld mit seinen Dönerbuden, Parks und Wohnbauten wird zur Theaterbühne.
Dass der ganze Wahnsinn des Geschehens – und an irrwitzigen Szenen mangelt es dem Buch wahrlich nicht - sich nicht bedrückend, sondern überaus amüsant liest, liegt an dem Witz und der Leichtigkeit, mit der der Tragik ihre komische Seite abgewonnen wird. Der Ich-Erzähler ist mit der Fähigkeit zu Ironie und Selbst-Ironie gesegnet; der Humor bewegt sich dabei in großer Bandbreite, arbeitet manchmal mit feiner lakonischer Klinge, dann wieder brachial: „Das Parfum hieß „Mist“ und so roch es auch.“
„Vielleicht will ich alles“ ist vielleicht nicht alles, aber viel: humorvoll und feinfühlig, mit Klischeebrüchen und Aufweichungen des Gut-Böse-Schemas und voller sympathischer junger Helden und Heldinnen, die nicht idealistisch überhöht werden und sich entwickeln dürfen. Das liest sich gut. In jedem Alter.