
John Corey Whaley: Das zweite Leben des Travis Coates
„Mary Shelleys Albtraum war Wirklichkeit geworden, genau hier, in einem Krankenhaus in Denver.“ Der neue jugendliterarische Frankenstein, das ist ein amerikanischer Teenager namens Travis Coates. Unheilbar an Leukämie erkrankt, meldete er sich für ein Experiment an.
München: Hanser 2015
„Mary Shelleys Albtraum war Wirklichkeit geworden, genau hier, in einem Krankenhaus in Denver.“ Der neue jugendliterarische Frankenstein, das ist ein amerikanischer Teenager namens Travis Coates. Unheilbar an Leukämie erkrankt, meldete er sich für ein Experiment an: Sein Kopf wurde eingefroren, um irgendwann mit einem neuen Spenderkörper verbunden zu werden – sobald die Wissenschaft es möglich macht. Dass dies überhaupt und schon fünf Jahre später der Fall sein würde, damit hatte niemand gerechnet. Doch nun ist er wieder da, in seinem zweiten Leben. Dessen größte Herausforderung besteht gar nicht darin, vom Hals abwärts den Körper eines anderen Jungen zu besitzen, der ist sogar größer und athletischer als der alte. Viel schwieriger ist es für Travis, mit der Ungleichzeitigkeit seiner beiden Leben zurecht zu kommen. Während er in seiner Wahrnehmung nur mal kurz die Augen zumachte und nach wie vor sechzehn ist, sind alle anderen jetzt fünf Jahre älter. Cate, seine große Liebe, ist verlobt, sein bester Freund Kyle erwachsen geworden. Travis passt in deren Leben nicht mehr hinein. „Manche Leute sagen, alleine zu sterben ist schlimmer als der Tod. Die sollten mal überlegen, wie es ist, alleine ein früheres Leben weiterzuleben. Nichts bringt einen so schnell auf die verdammte Frage, warum man überhaupt zurückkommen wollte.“ Und dabei weiß der überforderte Junge noch gar nicht, dass sich seine Eltern haben scheiden lassen und ihm jetzt nur eine Farce vorspielen, um ihn zu schonen…
„Das zweite Leben des Travis Coates“ ist kein Science Fiction Roman wie etwa Charlotte Kerners 2008 erschienenes Buch „Kopflos“ - John Corey Whaley setzt das Motiv der für Menschen noch nicht realen Kyro- bzw. Transplantationstechnik in die Gegenwart. Dabei beschäftigt er sich weder mit ethischen Überlegungen, wie weit Wissenschaft gehen darf, noch mit Fragen nach der menschlichen Identität, also etwa „Wo befindet sich der Sitz unseres Wesens? Was macht uns aus?“ Travis weiß ganz genau, wer er ist: Er ist der, der er war, und genau das ist sein Problem. Alle anderen haben sich verändert und er nicht, und dadurch ist sein Leben in zwei Teile auseinandergebrochen: „Genau wie die Ärzte meinen Kopf und Jeremys Körper zusammengefügt hatten, musste ich mein altes Leben nehmen und auf dieses neue aufdrücken. Wahrscheinlich lief das auf ein paar weitere Narben hinaus.“
Das schätzt der Ich-Erzähler durchaus richtig ein. Wobei nicht von Narben, sondern von offenen Wunden gesprochen werden muss.
Dass Cate heiraten und nichts anderes sein wird als eine gute Freundin, das ist für Travis schlicht nicht zu akzeptieren. Heiratsantrag in Anwesenheit ihres Verlobten inklusive.
Realitäten anzunehmen und zu begreifen, dass sich die Welt nicht allein um einen bestimmten Punkt dreht, auf den man gerade fixiert ist, ist wohl ein Teil von Erwachsenwerden. Das muss der Ich-Erzähler im Zeitraffer hinter sich bringen, und es sieht so aus, als ob es ihm gelingt. Wenn er am Ende das Grab des Jungen besucht, dessen Körper er sein zweites Leben zu verdanken hat, dämmert ihm langsam, welches Geschenk das ist. Jeremy Pratt bekam nie eine neue Chance. Er schon. Dementsprechend lautet der letzte Satz des Buches, als Travis vor einem Spielautomaten steht: „Ich nicke kurz. Und drücke auf Start.“

Bei allem angesichts der ungewöhnlichen Ausgangssituation gebotenen Ernst: „Travis Coates“ ist erfreulicherweise in manchen Passagen richtig komisch zu lesen. Das ist vor allem dem Sidekick des Protagonisten zu verdanken: Hatton, seinem neuen Schulkollegen, einer in ihrer unverblümten Direktheit ungemein witzigen Figur, mit der Travis schön schräge Dialoge führt.
Einen klassischen Science Fiction Plot als realistisch anmutende, in Teilen sogar humorvolle Geschichte zu erzählen und einen großen Bogen um moralisch-ethische Diskurse zu machen, ist eine wohltuende und in diesem Fall ausgesprochen gelungene Abwechslung. Möge dem Buch ein langes Leben beschieden sein.