Kevin Brooks: The Road of the Dead

ein Thriller voll physischer und psychischer Gewalt

Aus dem Englischen von Uwe Michael Gutzschhahn
München: dtv 2008


Das englische Dartmoor hat die Phantasie einiger Schriftsteller angeregt - Arthur Conan Doyles „Hund der Baskervilles“ gehört zum Beispiel in diese karge Hügellandschaft voller Granitfelsen und prähistorischer Steinkreise. Und auch der Ich-Erzähler Ruben in Kevin Brooks neuem Jugendroman „The Road of the Dead“, dessen Titel auch in der deutschen Übersetzung im Englischen belassen wurde, scheint gut zu dieser mystischen Szenerie zu passen.

Schließlich besitzt der empathische Dreizehnjährige die besondere Fähigkeit, sich in die Gefühle von ihm stark verbundenen Menschen hineinversetzen zu können und sogar sinnlich mitzuerleben, was sie gerade erleben – ohne selbst dabei anwesend zu sein. Insbesondere zu seinem Bruder Cole besteht diese Verbindung, wiewohl der Ältere in vielem Rubens genaues Gegenteil ist: Ruben ist körperlich schwach, aber geistig ungemein schnell; Cole ein Kämpfer, der – wenn es die Situation erfordert – mit emotionsloser Kaltblütigkeit und Entschlossenheit agiert, bei der Sortierung seiner Gedanken aber sehr bedächig vorgeht. Einander mit großer, wortloser Zärtlichkeit zugetan, ergänzen sie einander, ergeben zusammen mehr als die Summe ihrer Teile.

Diese Stärke können sie auch brauchen: Als ihre Schwester Rachel vergewaltigt und ermordet wird, machen sich die beiden Brüder auf eigene Faust auf, um den Täter zu finden, damit Rachels Leiche freigegeben und beerdigt werden kann. Kaum in dem verwahrlosten Nest Lychcombe angekommen, beginnt sich eine Spirale unaufhaltsamer Gewalt zu drehen.

Auf der Suche nach dem Mörder und den Hintergründen der Tat sind Ruben und Cole mit einem Trupp Einheimischer konfrontiert, deren Widerwärtigkeit, Brutalität und Dumpfheit jegliche Menschlichkeit vermissen lassen, die halb irre Spaß daran haben, andere zu quälen.

Das einzige Mittel, mit dem man ihrer Gewalt gegenüber treten kann, ist - Gewalt.

So erwidert Cole die Aggression der Erwachsenen trotz seiner Jugend auf Augenhöhe, dabei brechen Knochen und fließt Blut, auf beiden Seiten. Grausame Erniedrigungs- und Folterszenen, Schlägereien und Schießereien werden in beklemmender Deutlichkeit geschildert, wobei die von Cole ausgeübte Gewalt als in dieser Situation und in diesem Milieu einzig adäquates Mittel sanktioniert wird. Das ist in einem Jugendbuch so selten wie ein Protagonist, der ohne mit der Wimper zu zucken brutal zuschlägt und dabei eindeutiger Sympathieträger ist.

Am Ende gelingt es den Brüdern mit Hilfe von in Lychcombe lagernden Zigeunern, den Drahtzieher zu überwältigen und den Mord aufzuklären. Mit einer Leiche im Wagen treten sie die Heimfahrt an.

Cover
„The Road of the Dead“ ist ein Thriller im besten Sinn des Wortes, nützt alle Mittel des Genres, um enorme Spannung zu erzeugen, die beklemmende Atmosphäre des Schauplatzes einzufangen. Brooks integriert in die von physischer und psychischer Gewalt vibrierende Handlung aber ganz wesentlich auch eine berührende Brüderbeziehung und das Thema der Ausgrenzung der Zigeuner. Für diese Menschen weckt das Buch Sympathien - Cole und Ruben stammen ja selbst väterlicherseits von ihnen ab. Leben auf ihre Weise das ungeschriebene Zigeunergesetz, das dem Buch als Motto vorangestellt ist: „Bald kommt das Jüngste Gericht. Lass es kommen. Es ist nicht wichtig“.

Mit genau dieser distanzierten Schicksalsakzeptanz erzählt Ruben, kühl, stellenweise fast unbeteiligt. Wobei die Konstruktion seiner telepathischen Fähigkeiten eingesezt wird, um Ereignisse zu schildern, bei denen der Junge gar nicht körperlich anwesend ist – ohne die Ich-Perspektive zu durchbrechen. Bei alledem schreibt der Autor ungemein ökonomisch, präzise und mit enormem Tempo. Der Text erzeugt einen durchgehenden Druck, der dem Leser keine Möglichkeit gibt, durchzuatmen. Da liest man weiter, weil man gar nicht anders kann. So soll es sein.

Karin Haller