
Nikola Huppertz: Tage mit B
Der kleine idyllische Ort in den Elbtalauen, in dem Simon mit Vater und kleiner Schwester für Sommerendferien gelandet ist, könnte für den Dreizehnjährigen ein Paradies sein. Schließlich beobachtet und zeichnet er mit Leidenschaft Käfer.
Simon findet jedoch nicht recht hinein ins Glück der Versenkung in seiner Passion – Bernadette steht ihm im Weg. Seine fünfzehnjährige Patencousine, die nur B. genannt werden will, ist nämlich mit dabei, weil ihre Eltern sie zunehmend schwierig finden.
Das Mädchen im modernen Existenzialisten-Look hat nicht nur ihren Namen auf ein Minimum reduziert, auch sonst will sie alles loswerden, was sie hinunterzieht. Das Gewicht der Welt lastet schwer auf ihr. Unerträglich ist für sie das Unrecht, das Menschen einander und anderen Wesen antun. Was sie diesem falschen Leben entgegensetzt: Askese, Abhärtung – und Lektüre. Im Gepäck hat sie nur Bücher, vor allem über Mystik. Darunter Simone Weils „Schwerkraft und Gnade“. Es ist ihr Anker und wird damit zum wichtigsten Text im Text in Nikola Huppertz’ neuem Jugendbuch „Tage mit B.“
Als Ich-Erzähler setzt die deutsche Autorin Simon ein, der von B. fasziniert ist. Er fühlt sich von dem Mädchen angezogen, wie er es sonst nur von den Tieren kennt, die er mit Leidenschaft beobachtet, sammelt, sorgfältig zeichnet und dann wieder in die Natur entlässt. Aber gegen B. kommt auch der Jägerbock, Lamia textor aus der Familie der Bockkäfer, nicht an. Einen solchen hat er auf seinem ersten Streifzug durch die Elbaue gefunden. Mit ihm im Glas und voller Glück stößt er unvermutet auf seine Patencousine, die in einer Bucht ihre Bahnen schwimmt:
„Die ganze B., ohne Doc Martens, ohne ihren Mantel, nur in ihrem dunkelblauen Badeanzug im grauen Wolkendeckenwasser, ich wusste, ich sollte nicht hingucken. Aber ich konnte nicht anders, war hypnotisiert von ihren gleichmäßigen Bewegungen, die sich nicht unterschieden, ob sie mit der Strömung schwamm oder gegen sie, es war, als verband ihr Körper sich mit dem Wasser, als machte er einfach, was richtig war. Mein Körper dagegen machte alles falsch, ihm war viel zu warm für die Temperatur, erst recht, wenn man meine nassen Socken und Schuhe in Betracht zog, die Aufregung schoss kreuz und quer durch meine Zellen, bis in jeden Körperwinkel. Weg!, formten meine Lippen, Guck endlich weg, Mann!, aber ich guckte noch immer.“

Läuft die Erzählung bis dahin trotz der eigenwilligen B. relativ unbeschwert ab, entwickelt sich nun schnell eine komplexe Stimmung. Die Autorin treibt das auch mit einem einfachen Kniff voran: Sie lässt Simons Vater aus beruflichen Gründen abreisen und bringt die kleine Schwester im Haupthaus bei der Familie der Vermieter unter. So bleiben Simon und B. allein zurück in der kleinen Scheunen-Ferienwohnung.
Was folgt, ist eine ungewöhnliche Auseinandersetzung zweier ungleicher Jugendlicher: der Junge, hin und her gerissen zwischen seiner noch kindlich anmutenden Käfer-Passion und der aufregenden Anziehungskraft der B., und das Mädchen, das sich zwar in kurzen Momenten von Simons naiver Sommer-Ferien-Fröhlichkeit anstecken lässt – vom richtigen Leben im falschen –, sich aber doch immer weiter in ihre Abscheu vor den Menschen und in den Rückzug aus der Welt verstrickt.
Nikola Huppertz erzählt ihre Geschichte über das Erwachsenwerden als Rückblick aus der Sicht des Jungen, der ein genauer Beobachter ist. Zwischen seinen minutiösen Bericht setzt sie kurze Auszüge aus einem Notizheft, in das B. laufend ihre Gedanken notiert. Und zwar im Stil, in dem Simone Weil ihre Hefte geführt hat. Deren mystische Gedankenwelt versucht B. zu durchdringen, nachzudenken, nachzuleben. Das wird eine Zumutung sein für viele junge Leser:innen. Es ist daher ein kluger Zug von Huppertz, das in Simons Reaktion einzufangen. Nachdem er ein Stück aus Weils „Schwerkraft und Gnade“ gelesen hat, ruft er: „Sie ist verrückt!“
„Tage mit B.“ ist eine konzentrierte Erzählung mit wenig Plot, aber hoher innerer Spannung. Dafür sorgen vor allem die Figuren und ihre Konstellation sowie ein Schauplatz, der deutlich macht: Die Welt ist schön UND schwer. Dazu kommen Motive, die wie Fäden alles durchziehen und verweben: die Leidenschaft des Sammelns und die Sehnsucht nach der Leere, die Lust am und die Last mit dem Körper, das Sehen und Gesehen Werden Wollen, der Verlust des Paradieses der Kindheit.
Das nämlich ist am Ende jedenfalls gewiss: Erwachsen werden heißt auch, fähig zu sein, ein richtiges Leben im falschen zu führen – und dabei doch immer wieder, zumindest für Augenblicke, der Schwerkraft zu entkommen.

