
Erna Sassen: Such dir keinen besten Freund
Auf einer Zeichnung am Anfang des Buches sitzt Jan Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ mit der Figur aus Edvard Munchs „Schrei“ an einem Tisch. Auf ihre Frage: „Wollen wir beste Freunde werden?“, antwortet er sichtbar empört: „Nein!“.
Das ist nicht überraschend, die Figuren der beiden Gemälde passen – zumindest auf den ersten Blick – nicht zusammen. Nicht anders scheint es sich mit jenen Jugendlichen zu verhalten, die in Erna Sassens neuem Roman „Such dir keinen besten Freund“ im Mittelpunkt stehen. Was sie trennt sind Hautfarbe, Herkunftsmilieu, Interessen oder Temperament. Aber auch wenn sie so divers sind, wie die gegenwärtige Gesellschaft, sind sie doch alle gefangen zwischen Ängsten und Sehnsüchten, den Zumutungen familiärer Verstrickungen und dem Druck sozialer Zuschreibungen.
Als Ich-Erzähler fungiert Joshua, ein knapp siebzehnjähriger Junge, über den die niederländische Autorin schon in „Ohne dich“ erzählt hat. Er ist einer dieser Schüler, die in der Hackordnung wie selbstverständlich ganz unten landen: sensibel, künstlerisch, ein wenig zu klug für den rauen Alltag der Hauptschule, und zu verletzlich, um in das Machogehabe seiner Umgebung hineinzupassen. Seine Selbstwahrnehmung pendelt zwischen ironischer Distanz und schmerzhafter Unsicherheit. „Weichei“, „Nerd“,„vielleicht schwul“ – Etiketten, die ihm andere aufkleben, noch bevor er selbst weiß, wer er ist. Ausgerechnet zwei, vor denen er eigentlich Angst haben müsste, werden seine Freunde: Sergio, der aussieht wie der Anführer eines kriminellen Motorradklubs und jedem, der ihm in die Quere kommt, eine aufs Maul haut. Und Dylan, aggressiv, voll verdrängter Wut, jederzeit gewaltbereit. Dass sie Joshuas zeichnerisches Talent entdecken und ihn fortan „Rembrandt“ nennen, wirkt zunächst wie ein Kunstgriff – tatsächlich aber deutet sich hier schon der Kern des Buches an: Niemand ist, was er scheint, und Gemeinschaft entsteht oft nicht trotz, sondern aufgrund von Verschiedenheit.

Zur kleinen Clique gehört noch Lindsay, ein Mädchen, das zugleich begehrt und verachtet wird. Wegen eines Verrats von Freundinnen ist sie zu einem üblen Ruf gekommen, dem sie nun provokant gerecht zu werden versucht. Für Joshua ist sie anziehend und beängstigend zugleich. Als sie ihm Geburtstagssex – wie es heißt – anbietet, gerät er in Panik: Er findet sie total attraktiv, hat aber Angst: vor seiner eigenen Unerfahrenheit, vor ihr – und vor Dylan, der – wie es heißt – alle verprügelt, die Lindsay zu nahe kommen.
Dass die Stärke dieses Romans weniger im Plot liegt, ist klar: die Konstellation aus sensiblen Außenseitern und harten Jungs ist jugendliterarisch nicht neu. Überzeugend ist die formale Umsetzung. Der Autorin gelingt es, die fragile Identität ihrer Figuren mit einer Sprache einzufangen, die einfach wirkt und doch von großer kluger Empathie durchzogen ist. Schicht um Schicht trägt sie ab und kommt so tief unter die glatte Oberfläche der Protagonist:innen.
Was auf inhaltlicher Ebene wie ein Kaleidoskop jugendlicher Verwirrung wirkt, entfaltet in der Darstellung beinahe soziologische Schärfe. Erna Sassen zeigt, wie sehr Sexualität in der Adoleszenz zum Maßstab sozialer Wertung geworden ist: Wer mit wem, wie oft, gar nicht oder anders will – das entscheidet über Zugehörigkeit und Ausgrenzung. Dabei weiß doch manch einer noch nicht einmal, wann und wie es in Echt nach dem Küssen weiter gehen soll.
Für all das findet Erna Sassen einen souveränen Ton, den Rolf Erdorf ausgezeichnet ins Deutsche übersetzt hat: roh, intensiv, geistreich, manchmal zärtlich leise, dann wieder polternd laut – was sich im Übrigen auch in Typographie und Satz abbildet.
Es gibt keine moralischen Gesten, keinen Zeigefinger, keine pädagogische Absicherung.
Dafür einen Ich-Erzähler, der hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung, Trotz, Ironie und Glück zu einer beeindruckend glaubwürdigen Figur wird.
Dass am Anfang des Buchs zwei Figuren aus Gemälden zu Wort kommen, ist keine Zufall, Kunst spielt in diesem Roman eine entscheidende Rolle. Joshua liebt die Malerei und das Zeichnen. Seine Skizzen werden nicht nur zu Tattoos auf der Haut seiner Freunde, sie dienen ihm zur Selbstbehauptung und -verortung. Sie sind auch Ausdruck seines Begehrens, vor allem aber machen sie seine zunehmenden Nähe zu Lindsay unmittelbar sichtbar. Martijn van der Linden hat dafür eine anspielungsreiche, witzige und berührende Bildsprache gefunden.
„Such dir keinen besten Freund“ ist ein leidenschaftliches, vielschichtiges und an vielen Stellen witziges Buch über das Erwachsenwerden in einer hypersexualisierten Welt. Und nein, es ist keine Absage an die Freundschaft, wie der Titel vielleicht suggerieren könnte. Vielmehr macht es klar, dass ein Freund manchmal nicht reicht.

