
Mikael Engström: Steppo
„Es würde ein regnerischer Herbst werden.“ Nicht zufällig hat der schwedische Jugendbuchautor Mikael Engström seinem neuen Roman „Steppo“ gerade diesen schlichten Satz voran gestellt.
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
München: Hanser 2006
„Es würde ein regnerischer Herbst werden.“ Nicht zufällig hat der schwedische Jugendbuchautor Mikael Engström seinem neuen Roman „Steppo“ gerade diesen schlichten Satz voran gestellt. Er gibt die Beleuchtung und Hintergrundmusik eines Buches vor, in dem die Wolken tief stehen, innen und außen.
Die Sonne scheint selten in der Kleinstadt Solna, in der drei Schulkollegen gemeinsam herumhängen, mehr aus Gewohnheit als aus echter Freundschaft: Hakan, der seinem rechtsradikalen Bruder nacheifert und sich als Krieger fühlt. Dick, der prinzipiell die falschen Klamotten trägt und unbedingt in einer angesagten Band mitspielen will. Und Steppo, der nach dem Tod seines Vaters nichts als Leere empfindet und die Befürchtung hat, überhaupt nicht mehr lebendig zu sein. Seine Verliebtheit in Tahsin, in die er sich flüchtet, ist hoffnungslos, das Mädchen tut ihm sogar die Schmach an, ihrem Freund seinen Liebesbrief zu zeigen.
Und dann wird der Regen zum Sturm: Bei einer Saufaktion lässt sich Steppo von Hakan mitziehen, sie klauen ein Auto und bauen einen Unfall. Das Auto gehört, ausgerechnet, einem Kleinkriminellen, der Steppo zur Wiedergutmachung zwingt, für ihn einzubrechen. Dabei kommt der Junge unfreiwillig einem bisher unerkannten Exhibitionisten auf die Spur, auf dessen Fersen sich auch schon sein Freund Hakan geheftet hat…
Mikael Engström ist kein unbekannter Name: Mit seinem kinderliterarischen Debut „Brando“ hat der Autor vor drei Jahren einen Text hingelegt, der in seiner Außergewöhnlichkeit Maßstäbe setzte. Auch mit „Steppo“ beweist er, dass er mit souveräner Dichte aus einer jugendlich - männlichen Innenperspektive erzählen kann und schafft Charaktere, die sich in keine Schublade stecken lassen. Nicht einmal der rassistische Hakan wird zum Negativbild, von dem sich der Leser im Sinne der political correctness mit Widerwillen abwendet. Als Hakan spurlos verschwindet, macht man sich fast Sorgen um ihn.
Die Titelfigur Steppo, ein skandinavischer Anti-Held in Reinkultur, ist in jeder Hinsicht mehrdimensional angelegt. Ein Junge, der sich selbst nicht schützen kann und genau das bei seiner depressiven Mutter versucht. Einer, der mehr Mitläufer ist als Akteur, ein bisschen lethargisch, ein bisschen feig, ein bisschen sehr überfordert von allem.
Und dann wieder überraschend mutig. Wenn es darum geht, einen geistig Behinderten vor Übergriffen zu schützen, ein kleines Mädchen vor dem Sexualtäter zu retten, Solidarität zu der krassen Außenseiterin Eva zu beweisen und zu seinen Gefühlen zu ihr zu stehen.

Was die Freude an dem rundum stimmigen Buch ein wenig trübt, ist das misslungene Cover, das Steppo als vermummten Mittzwanziger imaginiert, und der unpassende deutsche Titel „Steppo – Voll die Krise“, der den Ton der Geschichte gänzlich verfehlt. Aber wenn man sich davon nicht abschrecken lässt, erwartet einen eine sehr spannende, sehr gekonnt erzählte, berührende Geschichte. Ein Gang durch Regen, Wind und Sturm, an dessen Ende sich die Wolken endlich lichten.