Christian Frascella: Sieben kleine Verdächtige

„Sie waren alle etwa zwölf Jahre alt, als sie beschlossen, die Bank von Roccella, ihrer kleinen Stadt, auszurauben“.

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Frankfurt/M.: Frankfurter Verlagsanstalt 2013


„Sie waren alle etwa zwölf Jahre alt, als sie beschlossen, die Bank von Roccella, ihrer kleinen Stadt, auszurauben“. Schon mit dem ersten Satz gibt Christian Frascella die wichtigste Handlungslinie seines neuen Jugendromans „Sieben kleine Verdächtige“ vor. „Alle“, das sind sieben Freunde an der Grenze zur Pubertät, die in einer sizilianischen Kleinstadt aufwachsen. Ihr Lebensweg scheint vorgezeichnet: Fortelli soll nach dem Wunsch seiner religiösen Mutter Priester werden, Cecconi sieht sich wie seine Eltern illegal Gemüse auf einem Pritschenwagen verkaufen, Gorilla wird jetzt schon von seinem gewalttätigen kriminellen Bruder als Drogenkurier missbraucht. Durch Geld, viel Geld wollen sie ihrem Schicksal, der Armut und Perspektivenlosigkeit entkommen - ein Bankraub also. Die Idee ist eine Mischung aus Einfallsreichtum, grenzenloser Naivität und Aussichtslosigkeit, doch die Freunde machen sich mit einem Selbstvertrauen, das nur manchmal von einer etwas realistischeren Chanceneinschätzung erschüttert wird, an die Planung und Durchführung.

Wie der Coup ausgeht, soll nicht verraten werden. Das hieße eine der vielen überraschenden Wendungen des Buches vorwegnehmen, die seine Lektüre so reizvoll machen. Frascella ist ein Meister darin, gekonnte Spannungsbögen zu ziehen, verschiedene Handlungselemente zu einem runden Ganzen zu verbinden. Im Wesentlichen erzählt er dabei von der Freundschaft zwischen den Jungen mit allen Höhen und Tiefen – sie bauen sich gegenseitig auf und tun sich weh, helfen und enttäuschen einander, doch am Ende können sie immer aufeinander zählen. Es ist das Verdienst des Autors, jeden einzelnen seiner sieben kleinen Protagonisten gleichberechtigt zu behandeln, ihm Leben und emotionale Dichte zu verleihen. Die Enttäuschung Ranaccis, als er entdeckt, dass sein in der Gewerkschaft engagierter Vater in Wahrheit Schmiergeld nimmt, die Angst Lonicas vor dem Tod seines krebskranken Vaters, die Träume Billos von einer Fussballerkarriere – in überzeugender „show it, don´t tell it“ –Manier verdeutlicht der Autor die Gefühle seiner Charaktere.

Spätestens hier muss jedoch betont werden, dass es sich nicht um einen schwermütigen, betroffen machenden Text handelt, der sich mit Themen wie Kriminalität, Armut und Korruption moralinsauer-anklagend auseinandersetzt. Dazu ist das Buch einfach viel zu lustig.

Schon in seinem Debüt „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ 2012 stellte Frascella seinen pointierten Humor unter Beweis, und mit derselben witzigen Leichtigkeit schreibt er hier. Wobei er diesen Witz gut dosiert – wenn es um die Ängste, Wut und Trauer seiner Helden geht, verzichtet er auf Ironie, ebenso wie an den Spannungshöhepunkten.

Cover
Und erzählerische Höhepunkte gibt es einige: Den Bankraub natürlich, der aber nicht das große Finale darstellt. Das findet als Showdown, bei dem durchaus scharf geschossen wird, in einer Scheune statt. Hier treffen die sieben Jungs mit ihren erwachsenen Gegenspielern zusammen – mit Gorillas älterem Bruder Guiliano, der das exemplarische Böse verkörpert, mit dem faszinierend- undurchsichtigen, zwischen Gut und Böse changierenden Mexikaner.

Oder der geschobene Boxkampf Lonicas, bei dem der Junge – von Guiliano Gorelli erpresst - in der dritten Runde zu Boden gehen soll. Überhaupt scheint der Autor die beiden Sportarten Fussball und Boxen zu lieben, gibt ihnen viel erzählerischen Raum; wer Muhammed Alis „Rumble in the Jungle“-Kampf gegen George Foreman vor sein geistiges Auge holen möchte, kommt voll auf seine Kosten.

In diesem Boxkampf, soviel zumindest darf verraten werden, wächst Lonica über sich hinaus, so wie jeder einzelne der Jungen, wenn es darauf ankommt, einen Mut und eine instinktive Tatkraft beweisen, die sie selbst am meisten überrascht. Im Unterschied zu manchen Texten, in denen Zwölfjährige die Rolle von Erwachsenen übernehmen und auch noch die gefährlichsten Verbrecher im Alleingang zur Strecke bringen, bleiben Frascellas Helden das, was sie sind: Kinder. Die maßgeblich dazu beitragen, dass am Ende nicht das Böse in Roccella siegt - durch Zufall und die Eigendynamik der Geschehnisse. Doch eben auch durch den Kampfgeist, mit dem sie gegen die schwierigen Voraussetzungen ihres Lebens antreten. Wie dieser Kampf ausgehen wird, bleibt offen: „Alle müssen neu anfangen.“

Karin Haller