Joyce Carol Oates: Sexy

Jung. Attraktiv. Sexy. Möchte das nicht jeder sein? Darren ist es, und es verwirrt und verunsichert ihn.

Aus dem Amerikanischen von Birgitt Kollmann
München: Hanser 2006


Jung. Attraktiv. Sexy. Möchte das nicht jeder sein? Darren ist es, und es verwirrt und verunsichert ihn. Sein gutes Aussehen macht ihn ebenso zum Gesprächsthema in der Schule wie seine Erfolge in der Schwimmmannschaft, doch er vermeidet es nach Möglichkeit, im Mittelpunkt zu stehen. Hält sich lieber am Rand, zeigt wenig bis gar nichts von seinen Gefühlen. Kämpft ganz allein mit seiner beginnenden Sexualität, die er noch nicht auslebt, mit der sexuellen Anziehungskraft, die er auf andere ausübt. Auf Mädchen und Frauen, auf Männer.

Eine Attraktivität, der sich nicht einmal sein Englischlehrer, Mr. Tracy entziehen kann: Als er den Jungen nach Hause fährt, wagt er einen zaghaften verbalen Annäherungsversuch: der Schüler soll ihn, den Lehrer, mit dem Vornamen ansprechen. Keine große Sache, und doch fühlt sich Darren wie beschmutzt. Scham und undefinierbare Schuldgefühle treiben ihn noch weiter in sein Schneckenhaus zurück, er ist unfähig, irgendjemandem von seiner Verwirrung oder von dem, was passiert ist, zu erzählen. Außerdem „nichts ist passiert“.
Und so sieht er tatenlos zu, wie seine Schulkollegen einen Feldzug gegen den unbeliebten Lehrer beginnen, um sich für seine strenge Unterrichtsführung zu rächen: Angeführt von seinem Freund Kevin schicken sie anonym kinderpornographische Fotographien und gefälschte Briefe von Minderjährigen an die Polizei, in denen Lowell Tracy der Pädophilie und des Missbrauchs von Schülern bezichtigt wird. Die Verleumdungskampagne hat vollen Erfolg, treibt den Lehrer in die Suspendierung, das gesellschaftliche Aus und schließlich in den Selbstmord.
Für Darren, der Mr. Tracys hilfesuchende Appelle, ihn als Leumundszeuge zu unterstützen, aus Feigheit und Scham ignoriert hat, wird dieser Suizid der Auslöser zum Bruch mit seinen gewissenlosen Freunden, die jede Schuld von sich weisen, zum Motor, der ihn über sich selbst hinauswachsen lässt. Völlig unvorhergesehen gewinnt er ein Schwimmturnier und rehabilitiert in einem darauffolgenden Interview den verstorbenen Lehrer.

Joyce Carol Oates neuer Jugendroman „Sexy“ erzählt eine berührende Geschichte über Verleumdung und Zivilcourage, über Loyalität und Selbstschutz. Wie in fast allen Texten der amerikanischen Schriftstellerin findet sich auch in diesem Roman eine Fülle von gesellschaftspolitischen Themen jenseits der üblichen literarischen Selbstfindungsproblematik eines Jugendlichen.
Hier sind es die Vorurteile, mit denen sich Homosexuelle konfrontiert sehen, die Eigendynamik von einmal begonnenen Gerüchten und Verleumdungen, die Verantwortung des einzelnen für das Schicksal seiner Mitmenschen, die ungeschriebenen Gesetze, nach denen homogene Gruppen wie eine Schulgemeinschaft funktionieren.

Das Besondere an Oates Büchern ist aber nicht ihr thematischer Zugang, sondern ihre Sprache: Die Kunstfertigkeit, mit der sie Informationen zwischen den Zeilen vermittelt, indem sie eine fast greifbar dichte Atmosphäre herstellt. Bravourös nachzulesen etwa in der Szene zwischen Mr. Tracy und Darren im Auto, in der oberflächlich gesehen nichts passiert, und doch die Grenzüberschreitung des Lehrers ganz deutlich spürbar wird.

Cover
Oates zeichnet ihre Protagonisten mit viel Sympathie, ohne ihnen zu schmeicheln.
Sie vermittelt Darrens Schüchternheit und Gehemmtheit ebenso glaubwürdig wie den coolen Schutzpanzer, mit dem er sich umgibt, seine aggressive Wut genauso wie seine Verletzlichkeit, seine Feigheit ebenso wie seinen aufkeimenden Mut. Er ist ein durch und durch integrer Charakter, der jedoch zunächst nicht den Mut findet, über seinen Schatten zu springen. Nur nicht auffallen, nur nicht in Schwierigkeiten verwickelt werden, sich besser heraushalten. Darren ist kein Held.

Auch die Figur des Englischlehrers Mr. Tracy gerät nicht zum simplen eindimensionalen Opfer, sondern zur vielschichtigen Persönlichkeit, die auch inkorrekt handelt. Wenn er versucht, vertrauliche Nähe zu Darren herzustellen, wenn er unangemessene Fotographien von ihm im Schwimmanzug schießt, wenn er ihm eine bessere Note schenkt, als die Leistungen des Schülers rechtfertigen würden.

Wieviel Schuld tragen wir selbst daran, was uns passiert, wie andere auf uns reagieren, wie sie mit uns agieren? Ganz wesentlich geht es in diesem Roman auch um Eigen- und Fremdwahrnehmung. Die Frage, ob man steuern kann, wie andere einen sehen, stellt sich in dem Text immer wieder. „Es war verrückt. Das war doch alles bloß Einbildung! Menschen sahen in anderen, was sie sehen wollten, nicht das, was da war.“

In Darren sehen die anderen vor allem eine faszinierend anziehende Äußerlichkeit. Jung, attraktiv, sexy – möchte das nicht jeder sein? Die Hauptfigur bei Oates könnte gut darauf verzichten.

Karin Haller