
Shion Miura: Schneeschütteln in Kamusari
Erraten, das Buch spielt in Japan. Genauer gesagt in einer der nördlichsten japanischen Bergprovinzen, in einem Kaff namens Kamusari, oder um in der Diktion des Ich-Erzählers zu bleiben: am Arsch der Welt.
Hamburg: Carlsen 2013
„Schneeschütteln in Kamusari“ – schon der Titel des Romans von Shion Miura verheißt Ereignisse außerhalb der Alltagsrealität mitteleuropäischer Jugendlicher. Denn, erraten, das Buch spielt in Japan. Genauer gesagt in einer der nördlichsten japanischen Bergprovinzen, in einem Kaff namens Kamusari, oder um in der Diktion des Ich-Erzählers zu bleiben: am Arsch der Welt.
Dorthin wird Yuki von seinen Eltern abgeschoben, um als Praktikant am Programm „Grüne Beschäftigung“ teilzunehmen, nur damit der perspektiv- und motivationslose Jugendliche irgendetwas macht. So findet sich Yuki plötzlich ohne Handy und Internet zwischen Schnee und Zedern in der Gesellschaft eigenwilliger Einheimischer wieder, die ihn in die Forstwirtschaft einführen sollen. Schnee von Zedern zu schütteln, zählt dabei zu einer seiner ersten, jedoch beileibe nicht zu seinen herausforderndsten Aufgaben. Am Ende wird er auf dem Stamm eines Mammutbaumes stehend von der Bergspitze zu Tal rasen …
Doch bevor es soweit ist, muss der junge Mann durch Pollenallergie und Zeckenbisse durch und auf meterhohe Bäume rauf, sich bei Waldbränden bewähren und Erdbeben überstehen. Immer angetrieben von seinem Lehrmeister Yoki, einem Naturburschen mit ungeheurem Gespür für den Wald und den Berg und merklich weniger Empathie für die ihn umgebenden Menschen. Andere Jugendliche gibt es nicht, dafür einen hohen Prozentsatz an außergewöhnlich schönen Frauen. Nicht zuletzt die Grundschullehrerin Naoki-san …
Sein erstes Jahr als Forstarbeiter, das Yuki retrospektiv erzählt, wird für ihn in mehrfacher Hinsicht zum Lehrjahr: Dabei lernt er vieles über den Kreislauf der Natur zwischen dem Auspflanzen, Pflegen und Fällen der Bäume, fühlt mehr und mehr die Faszination einer von städtischer Zivilisation meilenweit entfernten Welt. Hier erlebt er auch erstmals, was bedingungsloser Zusammenhalt in einer Gemeinschaft bedeutet, wortloses Verständnis und Respekt füreinander, Akzeptanz von festen Strukturen, in denen jeder seinen Platz hat. Denn in diesem Dorf – und das gilt möglicherweise nicht nur für Japan – herrscht eine strenge Hierarchie. Die der Ich-Erzähler genauso wenig hinterfragt wie alle anderen. Diese Menschen sind zu optimal aufeinander eingespielten Teams zusammengewachsen – in der Arbeit, in ihren Freundschaften und ihren Ehen. Hier können Männer aus der Zusammensetzung des Reisballs, den sie als Lunchpaket mitbekommen, die Befindlichkeit ihrer Frauen herauslesen.

Basis ihrer stoischen Ausgeglichenheit ist die starke Verbundenheit mit der sie umgebenden Natur, der selbstverständliche Glaube an die Gottheiten des Berges, denen sie opfern, zu denen sie beten. Die Passagen, in denen von den Shinto-Ritualen erzählt wird, gehören mit zu den Stärken dieses Buches, das unaufdringlich die Faszination einer uns doch recht fremden Welt vermittelt. Um aus dem Blog einer jungen Leserin zu zitieren, die übrigens auch feststellt, dass die Namen schon etwas ungewohnt sind und alle irgendwie Yuki oder Yoki heißen: „Zum Glück findet sich aber hinten im Buch ein Glossar mit wichtigen Erklärungen. Da lernt man sogar ein bisschen was.“
Ja, beim Lesen dieses Buches erfährt man einiges – über das Leben in der japanischen Provinz, über Forstarbeit und sogar über Shintoismus. Vor allem aber lernt man ein paar ausgesprochen liebenswerte Figuren kennen, die sich den Terminus „Charaktere“ wirklich verdienen. Man liest eine humorvoll-poetische Coming of age- Bildungsgeschichte, in der der Ich-Erzähler vom gelangweilten, ideenlosen Jugendlichen zu einer verantwortungsbewussteren und lebensfroheren Ausgabe seiner selbst heran reift. So unaufgeregt und ruhig wie es nun mal in Kamusari zugeht ...