Agi Ofner: Problemwölfe

Innsbruck-Wien: Tyrolia 2025, 192 S., € 18,00

Zu Beginn steht ein Mädchen mit einer Maske auf dem Gesicht im Badezimmer und lächelt der Wölfin, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickt, zu. Das Mädchen heißt Marlene und sie weiß, dass das, was sie an diesem Tag vorhat, richtig ist. "Angst", sagt sie zu ihrem Gegenüber, "Angst haben nur die, die sich nicht sicher sind bei dem, was sie tun." Marlene ist sich sicher und sie ist wütend. Darum fällt es ihr leicht, den Tag mit einer Lüge zu beginnen. Fast beiläufig erzählt sie ihren Eltern, dass sie bei Amal übernachten werde, ihrer besten Freundin. Amal hat an diesem Morgen ein flaues Gefühl wie zuletzt öfter. Schuld ist die Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen. Vor allem die Angst, Marlene zu enttäuschen, weil sie sich – auch heute – nicht entschließen kann, an der Demo teilzunehmen, bei der sich jeden Dienstag die Menschen aus dem Ort treffen, die für den Wolf und gegen den Bau eines Hotels auf der Alm Partei ergreifen. Was Rudi mitnichten tut. Wie jeden Morgen klagt sein Vater beim Frühstück über seinen lädierten Rücken, das fehlende Geld, die Sorgen um die Schafe und den Wolf, vor allem den Wolf. Der, zu diesem Schluss ist Rudi längst gekommen, an allem Schuld ist. So fasst auch er an diesem Morgen einen Entschluss.
Dass auch Saskia-Mattea und Jonas nicht gerade optimistisch in den Tag starten, hat nichts mit dem Wolf zu tun. Der Junge lebt erst kurz im Ort – und das nicht gern. Die Debatte um das wilde Tier hat er kaum wahrgenommen. Dass er trotzdem zur Demo will, hat mit seinen Gefühlen für Marlene zu tun. Saskia-Mattea ist im Rahmen eines Schikurses im Dorf. Zwar ist für den späten Nachmittag Schnee angesagt, viel Schnee, doch noch ist nichts davon zu sehen. Weshalb die Turnlehrerin ihre Schüler:innen zu einem Outdoor-Gatsch-Parkour im Wald verdonnert. Saskia-Mattea sieht sich schon im Matsch liegen und hört die andern Matschea grölen. Sie beschließt, das Jugendgästehaus in die entgegengesetzte Richtung zu verlassen.

 

Agi Ofner: Problemwölfe

 

Damit sind die jugendlichen Hauptfiguren auf der Bühne dieses Lehrstücks versammelt, dem Agi Ofner eine Definition des Begriffs Pluralismus vorangestellt hat sowie den Satz: "Ein Wolf taucht auf und spaltet einen Ort“.
Ist „Problemwölfe“ also ein Diskursstück zu einem Reizthema, ein klug komponiertes Experiment mit zugeteilten Rollen und einer Problem-Lösung am Ende? Ja – und mehr. Das liegt an Agi Ofners klarer, fast nüchterner Prosa, die dafür sorgt, dass der aufgeheizte Konflikt um den Wolf im Dorf nicht überkocht; und dass man zu den fünf Protagonist:innen immer in einer gewissen Distanz bleibt. Obwohl über die 24 Stunden, die dem Morgen folgen, durchgehend aus deren Perspektive erzählt wird: Abwechselnd in kurzen Abschnitten, die immer eingeleitet sind mit dem Namen und einer Ortsangabe: „Rudi, zuhause.“„Amal, Schule.“ „Jonas, am Dorfplatz“. So entstehen Dynamik und Spannung. Zwar reden und laufen anfangs alle aneinander vorbei. Bald jedoch bekommen die Bewegungen eine Richtung und die Geschwindigkeit wird erhöht. Am späten Nachmittag schließlich sind fünf Jugendliche im Schneesturm auf dem Berg unterwegs und eine fragt: „Was zur Hölle passiert hier gerade?“

Als Leser kann man sich trotz vieler Leerstellen einiges zusammenreimen, schließlich ist man mit allen Figuren unterwegs; sie selbst allerdings wissen von einander viel nicht: Wo Marlene mit dem Rucksack hin will, ahnen weder Amal noch Rudi; warum Jonas mit seiner Mutter in den Ort gekommen ist, hat er niemanden erzählt, was Saskia Mattea hier macht, ist sowieso allen ein Rätsel.

Der zentrale Konflikt, das ist an dieser Stelle längst klar, dreht sich nicht allein um den Wolf. Sondern um erlittene Verluste und Kränkungen, um Sorgen, Ängste und unerfüllte Sehnsüchte. Der Wolf wird zur Projektionsfläche. An ihm entzündet sich der Streit. Aber er sorgt am Schluss auch dafür, dass Marlene, Rudi, Amal, Jonas und Saskia-Mattea in dieser Nacht als Rudel zusammenfinden – zerzaust, aber für den Augenblick bereit, den Widersprüchlichkeiten und Unsicherheiten des Lebens standzuhalten. Sie begreifen in der Not, dass das Verbindende ebenso stark ist wie das Trennende.

Agi Ofner debütierte 2019 mit „Nicht so das Bilderbuchmädchen“ und wurde dafür mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Seither illustriert sie Bilderbücher. Mit „Problemwölfe“ legt sie nun wieder einen Jugendroman vor, den sie aber auch mit Bildern ausgestattet hat. Mehr als zwei Dutzend Wölfe sind über die Seiten verstreut, der mächtigste von ihnen prangt bereits auf dem atmosphärischen Cover – ein Sinnbild dafür, dass Problemwölfe zusammenfinden können.

Franz Lettner