Gabi Kreslehner: PaulaPaulTom ans Meer

Paulas Bruder ist anders. Geistig beeinträchtigt. Ein ewiges Kind. „Du bist meine Große“, sagt ihr die Mutter immer wieder. „Stimmt gar nicht.“ trotzt die Ich-Erzählerin.

Innsbruck-Wien: Tyrolia 2016


Als 15-jähriges Mädchen einen großen Bruder zu haben, kann vieles bedeuten. Auf einen Beschützer und Ratgeber zu vertrauen. Einen Vorkämpfer in der Auseinandersetzung gegen elterliche Autorität an seiner Seite zu wissen. Sich an der Gleichgültigkeit eines Fremden abarbeiten zu müssen, der mit der kleinen Schwester schlicht nichts anzufangen weiß, und dabei seine eigene Stärke zu entwickeln. Für Paula in Gabi Kreslehners neuem Jugendroman „PaulaPaulTom ans Meer“ gilt nichts davon. Denn ihr Bruder Paul ist anders. Geistig beeinträchtigt. Ein ewiges Kind. „Du bist meine Große“, sagt ihr die Mutter immer wieder. „Stimmt gar nicht.“ trotzt die Ich-Erzählerin. „Er ist der Große, der Ältere. Nicht ich. Aber er, wie gesagt, ist bescheuert. Das entschuldigt alles. Immer. Und darum bin ich die Große. Immer gewesen. Schon von Geburt an.“

Und weil es so ist und damit er bei einem Familienfest mit dabei sein kann, muss sie Paul, der seit einem Jahr in einem zweihundert Kilometer weit entfernten Heim lebt, mit dem Zug abholen. Ihre Mutter hat mit den Vorbereitungen zu tun, der Vater möchte seinen Tennisurlaub nicht absagen. Paula will zwar nicht fahren, aber sie tut es dann doch, so wie sie eigentlich immer alles getan hat, was von ihr erwartet wurde. Es erweist sich als Glücksfall, dass sie ihre Revolution nicht durchzieht. Denn im Zug lernt sie Tom kennen, den außergewöhnlichen Jungen mit den Puderzuckerhaaren, dem sie alles erzählen kann, als ob sie ihn schon seit hundertmillionen Tagen kennen würde, der Saxophon spielt, der mit Paul auf eine ganz selbstverständliche, ruhige Art umzugehen weiß. Tom, der für Paula seinen Anschlusszug verpasst, sodass sie alle drei nicht nach Hause fahren, sondern an ihrem gemeinsamen Sehnsuchtsort: ans Meer.

Vor sieben Jahren hatte die oberösterreichische Autorin mit ihrem Erstling „Charlottes Traum“ einen beachtlichen Erfolg – der Roman wurde mehrfach preisgekrönt und sogar verfilmt, letztes Jahr kam er unter dem Titel „Beautiful Girl“ in die Kinos. „PaulaPaulTom“ ist - zwei Krimis für ein allgemeines Publikum kamen ihr dazwischen – Kreslehners dritter Jugendroman. Und dennoch hat man von der ersten Seite an das Gefühl des Wiedererkennens. Denn sie hat einen sehr eigenen, charakteristischen Erzählton, einen gewissermaßen kreslehner-spezifischen Stil, der auf vielen bewusst gesetzten Wiederholungen und kurzen, grammatikalisch nicht zwingend vollständigen Sätzen in Verbindung mit atemlos aneinandergereihten langen Satzgefügen basiert.

Ein Stil, der von einem hohen sprachlichen Bildanteil und einem spielerisch-kreativen Umgang mit Sprache gekennzeichnet ist. Waren diese Textmerkmale schon für den Vorgängerroman „Und der Himmel rot“ prägend, so gelten sie für „PaulaPaulTom ans Meer“ ganz besonders. Haben doch sowohl die Ich-Erzählerin als auch ihr Bruder eine intensive schöpferische Verbindung zur Sprache.

Cover
„Ich liebe schöne Sätze, schöne, schräge Sätze und schöne, schräge Sätze lieben mich, drum kommen sie mir zwischen die Finger oder rinnen aus ihnen heraus und das ist wie bei unserem Paul. Er mag die Wörter, die schönen, schrägen Wörter, und die Wörter mögen ihn und lassen sich von ihm erfinden und zusammensetzen wie Puzzlesteine, wie glänzende Mosaike.“ Das klingt ein bisschen so, als würde die Autorin ihr eigenes Schreiben beschreiben.

Erzählt wird die Geschichte eines Mädchens, das innerhalb ihrer besonderen Familie ihren Platz findet und behauptet, das ein Stück weit erwachsener wird auf dieser Zugfahrt . Das sich bedingungslos verliebt und im Spiegel dieser aufkeimenden Beziehung die große Liebe begreift, die ihre Familie miteinander verbindet. Nicht nur Eltern und Kinder. Sondern in ganz besonderem Maß eben Paula und Paul. Auch wenn sie ihn damals, als sie noch klein war, mit einem Schild um den Hals vor einem Geschäft hat stehen lassen. „Kind zu verschenken.“

Kreslehner beschönigt nicht, wie schwierig und herausfordernd das Leben mit einem behinderten Familienmitglied ist. Dass sie in einigen wenigen kurzen Passagen eine auktoriale Erzählstimme aus der Perspektive Pauls bringt, kann als erzählerisches Wagnis gelten - das nicht schief geht. Es hat den Anschein, als ob nicht nur die Charaktere des Buches in einer ausgesprochen zuneigungsvollen Beziehung zueinander stehen. Sondern auch die Autorin zu ihren Figuren.

Karin Haller