Rolf Lappert: Pampa Blues

In Wingroden, nicht zufällig ein Anagramm zu „Nirgendwo“, muss man keine Ladentür absperren, weil kein Schwein hinkommt, nicht mal ein Einbrecher. Zehn Einwohner gibt es, und der erst Sechzehnjährige ist einer davon, weil er sich um seinen dementen Großvater Karl kümmern muss.

München: Hanser 2012


Liebeserklärungen an Großstädte gibt es viele. Paris, Wien, New York, Amsterdam – sie alle wurden in der Literatur, in der Musik, im Film, besungen und beschrieben. Und nun gibt es mit Rolf Lapperts „Pampa Blues“ auch eine doppelbödige literarische Hommage an das Gegenstück dieser lebendigen, lauten Metropolen – an die winzigen, bedeutungslosen Nester, von denen man nur etwas hört, wenn etwas Außergewöhnliches dort passiert.

In so einem Kaff sitzt Ben fest. In Wingroden, nicht zufällig ein Anagramm zu „Nirgendwo“, muss man keine Ladentür absperren, weil kein Schwein hinkommt, nicht mal ein Einbrecher. Zehn Einwohner gibt es, und der erst Sechzehnjährige ist einer davon, weil er sich um seinen dementen Großvater Karl kümmern muss. Seine Mutter tingelt derweil als Jazzsängerin quer durch Europa. Und er pflegt den alten Mann, tut so, als wäre er Gärtnerlehrling und träumt davon, den VW-Bus flottzumachen und nach Afrika zu fahren, wo sein Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist. Oder auch davon, endlich ein Mädchen zu küssen. In seiner introvertierten Schweigsamkeit erinnert Benjamin auffällig an seinen gleichaltrigen Namenskollegen aus dem Roman „Crazy“, was vermutlich auch keinen Zufall darstellt. Die Hörbuchversion von „Pampa Blues“ wurde übrigens von Robert Stadlober eingesprochen, dem Hauptdarsteller der Lebert-Verfilmung.

Ben ist nicht der einzige, der träumt: Jojos Sehnsucht gehört der Friseuse Anna – eine in unzählige Bäume geritzte unglückliche Liebe, Anna ist mit dem traumatisierten Tschetschenen Georgi verheiratet. Doch die größte Vision von allen verfolgt Maslow. Er hat nur ein Ziel - sein geliebtes Heimatdorf aus der Bedeutungslosigkeit zu katapultieren. Nachdem alle seine Projekte, Pferderennbahn, Golfplatz oder Vergnügungspark, gescheitert sind, muss nun etwas Außergewöhnlicheres her: Ein Ufo, im Heimwerkerstil aus Aluminiumblech gebastelt, soll Wingroden zur Attraktion machen.

Ben wird in den verrückten Plan eingeweiht. Und erlebt fassungslos mit, wie sich plötzlich die Dinge überschlagen: Ein junges Mädchen taucht auf, das von Maslow für eine Reporterin gehalten wird und in das sich der Junge prompt verliebt; Georgi stirbt auf zunächst ungeklärte Weise, Jojo landet mit der Ufo-Attrappe unfreiwillig im Hof eines Frauengefängnisses. Dass Maslows Traum am Ende in Erfüllung geht, wenn auch anders als geplant, zählt zu den wundersamen Fügungen, um deren Realitätsgehalt sich die literarische Fiktion nicht zu kümmern braucht.
So absurd sich der Plot auch entwickeln mag, die Atmosphäre in Wingroden kann man sich bei aller Stilisierung gut vorstellen. Ein Leben wie im Museum, nur ohne Besucher. Einerseits leidet man mit dem Jugendlichen mit, der zwischen den alten verschrobenen Männern im Wirtshaus „Schimmel“ sein Bier trinkt. Und andererseits hat man die skurrilen Charaktere dieses Miniatur-Universums auch irgendwie ins Herz geschlossen. So wie die Hauptfigur selbst sein Leben manchmal hasst und meistens nur erträgt, und dann eben auch wieder liebt.

Cover
„Dieser Ort existiert eigentlich gar nicht und trotzdem gibt es ihn. Weil es uns gibt“. lässt der Autor seine Figur Maslow sagen. Zu diesem „uns“ gehört für Ben, der ohne Familie aufwächst, ganz wesentlich auch sein Großvater. Ihn ins Heim abzuschieben, ist ihm nicht möglich, also bleibt er in Wingroden und macht das Beste draus. Vorerst. Mit den Worten: „Ich habe Zeit. Ich kann warten“ schließt der Ich-Erzähler. Der Blues, den Ben in seiner Pampa pflegt, ist – logischerweise – melancholisch, aber nicht rührselig, hat heitere Momente, und ist getragen von der Überzeugung, „dass man seine Träume nicht aufgeben darf“.

In der formalen Umsetzung merkt man dem Text deutlich an, dass der Schweizer Rolf Lappert früher vor allem als Drehbuchautor gearbeitet hat. „Pampa Blues“ ist dramaturgisch geschickt aufgebaut, bringt sympathische Figuren, überlegt gesetzte Spannungsbögen, witzige Handlungselemente und Dialoge. Das ließe sich sicher alles auch gut verfilmen. Doch bis es soweit ist, sei die Lektüre empfohlen.

Karin Haller