Iva Procházková: Orangentage

Als seine Mutter noch lebte, war die Welt für Darek einfach. Es gab klare Richtlinien, nach denen man sich orientieren konnte, Gesetze wie „ Es gibt Dinge, die man sich merken muss“ und „Bestimmte Sachen sollte man schnellstens vergessen“.

Mannheim: Sauerländer 2012


Als seine Mutter noch lebte, war die Welt für Darek einfach. Es gab klare Richtlinien, nach denen man sich orientieren konnte, Gesetze wie „ Es gibt Dinge, die man sich merken muss“ und „Bestimmte Sachen sollte man schnellstens vergessen“. Nach ihrem Tod gehören Sicherheiten und Eindeutigkeiten der Vergangenheit an. Der Vater, der sich im von Arbeitslosigkeit gebeutelten Schlesien mit Gelegenheitsjobs mühsam über Wasser hält und seine Niederlagen mit Schnaps hinunterspült, ist mit der Betreuung seiner Kinder hoffnungslos überfordert. Für die Pflege seiner geistig behinderten kleinen Tochter hat er ebenso wenig Zeit und Energie wie für seinen dreizehnjährigen Sohn. Es liegt an Darek, sich um Ema zu kümmern. Die finanzielle Situation der Familie wird immer schwieriger und das Jugendamt sitzt ihnen im Nacken. Als plötzlich ein dubioser Freund des Vaters mit einer Geschäftsidee auftaucht, schöpfen sie neuen Mut. Sie kaufen alte und kranke Pferde auf, um sie aufzupäppeln und dann – angeblich – mit Gewinn weiterzuverkaufen. Im Laufe der Wochen entwickelt Darek zu den Tieren eine immer intensivere Beziehung. So bricht für ihn eine Welt zusammen, als er erkennen muss, dass er sie für den Schlachthof gesund gepflegt hat. Nur das Lieblingspferd seiner Schwester durfte bleiben. Es dauert seine Zeit, bis Darek akzeptiert, dass sein Vater keine Wahl hatte, als das einmal begonnene Geschäft zu beenden. Fortführen wird er es nicht.

„Let´s face reality.“ Mit diesen paradigmatischen Worten schließt Iva Procházkovás neuer Jugendroman „Orangentage“. Das sagt der Protagonist zu Hanka, dem nach Orangen duftenden Mädchen, für das sein Herz mit der Ausschließlichkeit einer ersten großen Liebe schlägt. Denn der Text zeichnet Dareks Entwicklung auf drei parallelen Beziehungsebenen: Erstens zum Vater, eine Autorität, vor der er großen Respekt hat, mit der – zumindest anfänglich – eine Auseinandersetzung nicht in Frage kommt. Zweitens zu seiner Schwester Ema, deren Betreuung er mit großem Verantwortungsbewusstsein und viel Geduld übernimmt. Großartig, wie die Autorin die Nuancen dieser Konstellation zeichnet, die Zärtlichkeit, die Darek für seine Schwester empfindet ebenso wie seine Überforderung. Nur langsam gesteht er sich ein, dass sie Hilfe brauchen, und lässt diese Hilfe durch Marta, die zunächst massiv abgelehnte neue Freundin des Vaters, zu. Der dritte Beziehungskreis schließt sich um Hanka, lässt das ganz normale Kopfkino jugendlicher Verliebtheit nachfühlen, die Befangenheit in den Begegnungen, das Glück eines ersten Kusses.

Cover
Die große Stärke des Buches liegt nicht nur in der Vernetztheit der unterschiedlichen Lebensbereiche, die diese Entwicklungsgeschichte so glaubwürdig macht. Es ist auch die Differenzierung der Charaktere, die überzeugt, allen voran Darek. An einer Stelle bemerkt er, dass er sich laufend verändert, „dass er jeden Tag, jede Stunde ein anderer war.“ Dementsprechend reicht sein Verhaltens- und Gefühlsrepertoire von Warmherzigkeit und dem völligen Fehlen von Egoismus über provokante Gemeinheit, sturen Stolz und lächerliche Angebereien bis hin zur Akzeptanz eigener Grenzen und zu der Fähigkeit, mit der Vergangenheit abzuschließen.

Procházková widmet nicht nur ihrer Hauptfigur eine Vielschichtigkeit, die Schwarz-Weißzeichnungen vermeidet. Auch wenn der Vater trinkt, seinen Sohn belügt und enttäuscht – er ist nicht der Böse, nicht der Feind. Wie er agiert, ist seiner finanziellen und emotionalen Not geschuldet, und das wird weder entschuldigt noch verdammt. Ebenso beeindruckend in ihrer Ausgewogenheit ist die Darstellung Emas und ihrer Behinderung, ohne Beschönigungen, doch zärtlich und verständnisvoll.

Die Erfahrenheit der tschechisch-deutschen Autorin, die schon 1988 den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann, zeigt sich auch in der formalen Gestaltung des Textes: Mit kurzen Rückblenden, in denen sich Darek aus der Ich-Perspektive an vergangene Ereignisse – das Begräbnis der Mutter, Emas Geburt, die erste Begegnung mit Hanka – erinnert, sorgt sie für zusätzliche Emotionalität. Und indem sie, dezent und wie nebenher, die politischen und historischen Hintergründe in Schlesien in die Geschichte einbaut, macht sie unauffällig klar, wie individuelles Leben mit den Gegebenheiten des Umfeldes zusammenhängt.

Am Beginn des Buches sind es die Erwachsenen, die die Gesetze in Dareks Welt festlegen, und er, der Junge, versucht immer wieder, die Augen vor der Realität zu verschließen. Am Ende ist er ein junger Mann, der von anderen definierte Regeln nicht mehr unhinterfragt übernimmt und keine Angst mehr davor hat, die Wirklichkeit so anzunehmen, wie sie ist. Das nennt man dann wohl Erwachsenwerden.

Karin Haller