
Karen M. McManus: One of us is lying
Manchmal lügen wir mehrmals am Tag – aus Höflichkeit oder Bequemlichkeit, weil wir besser dastehen oder uns einen Vorteil verschaffen wollen.
München: cbj 2018
Manchmal lügen wir mehrmals am Tag – aus Höflichkeit oder Bequemlichkeit, weil wir besser dastehen oder uns einen Vorteil verschaffen wollen. Und manchmal verbergen wir etwas – länger als einen Tag. Die Geheimnisse von Bronwyn, Addy, Nate und Cooper, vier Teenager auf der Bayview High School, sind ein anderes Kaliber. Wenn die auffliegen, fliegt den Jugendlichen auch ihre Welt um die Ohren.
Eigentlich haben die vier nicht viel miteinander zu tun – bis sie beim Nachsitzen alleinige Zeugen werden, wie ihr Mitschüler Simon mit einem allergischen Schock zusammenbricht und stirbt. Kein Unfall, sondern offensichtlich Mord. Viele hatten einen guten Grund, ihn zu töten. Ist er doch Betreiber von „About That“, einer schulinternen Gossip-App, die Gerüchte und Halbwahrheiten auf der Bayview High verbreitet. Es zeigt sich, dass sein letzter, noch unveröffentlichter Post besonders brisante Enthüllungen bietet: Bronwyn hat Prüfungsfragen geklaut, um ihre Chemienote zu verbessern, Addy ihren Langzeit-Freund betrogen, Nate dealt trotz Bewährungsstrafe immer noch, und Cooper ist schwul. Hat einer von ihnen Simon getötet, um seine Entlarvung zu verhindern? Wenn es keiner von ihnen war, wer dann? Leah, die von den Posts auf „About That“ in einen Selbstmordversuch getrieben wurde? Janae, die in Simon verliebt war? Der technophobe Lehrer, der die Aufsicht beim Nachsitzen hatte?
„One of us is lying“, der Debutroman der jungen amerikanischen Autorin Karen McManus, ist Spannungsliteratur pur, ein klassischer „whodunnit“-Krimi, geschickt gebaut in den wechselnden Ich-Perspektiven der vier Hauptfiguren. Doch er hat mehr als nur Spannung zu bieten.
Überdeutlich setzt er sich mit dem massiven Erwartungsdruck auseinander, dem die Jugendlichen ausgesetzt sind. Bronwyns Eltern gehen mit Selbstverständlichkeit davon aus, dass sie die Familientradition hochhält und in Yale studiert, Coopers Vater hat die Baseball-Profikarriere des Sohnes zu seinem zentralen Lebensinhalt gemacht. Scheitern ist keine Option, und die jungen Menschen wollen den Erwartungen entsprechen - weil sie es als Verpflichtung ihrer Familie gegenüber empfinden oder weil sie es nicht anders kennen. Seit sie denken kann, wurde Addy von ihrer gebotoxten Mutter eingetrichtert, dass es nur ein Ziel gibt: einen erfolgreichen Mann zu finden, der sie versorgt.
Da verwundert es nicht, dass sie widerstandslos alles tut, was ihr Freund Jake sagt. Und dass sie zusammenbricht, als er sie rausschmeißt, sobald ihr Seitensprung bekannt wird.
Denn Simons letzter Post kommt an die Öffentlichkeit, und damit auch alle Geheimnisse der Protagonisten. Es dauert eine Weile, bis sie realisieren, dass das Aufdecken ihrer Lügen nicht destruktiv, sondern konstruktiv war, ihrem Leben eine positive Wendung gegeben hat. Cooper muss nicht mehr das stereotype Bild der maskulinen Sportskanone mit schöner Freundin darstellen, Bronwyn begreift, dass sie nicht die bessere Tochter und perfekt sein muss, um ihre kleine Schwester zu schützen, weil diese trotz Krankheit sehr gut selbst zurecht kommt. Nate, der mit verbissenem Trotz versucht hat, sein Leben mit alkoholkrankem Vater in einer Bruchbude allein in den Griff zu bekommen, lernt Hilfe anzunehmen, und Addy wird bewusst, wie sehr sie sich jahrelang von Jake unterdrücken und zu einem willenlosen Vorzeigeobjekt hat machen lassen. Was alle in den acht Wochen, die bis zur Aufklärung von Simons Tod vergehen, lernen: wer ihre echten Freunde sind.

Bronwyn. Cooper, Addy und Nate, sie sind Teenager: „Sie sehnen sich danach, erfolgreich zu sein, Freunde zu haben, geliebt zu werden. Wahrgenommen zu werden.“ Wenn das nur gelingt, indem man anderen und sich selbst etwas vormacht, wird sich auch ein davon abhängiger Erfolg, Freundschaft, Aufmerksamkeit oder Liebe als Lüge herausstellen. Daran lässt dieses Buch keinen Zweifel.