
Siri Pettersen: Odinskind
Es ist eine kalte Nacht voll Schnee und Eis, in der Thorrald das Neugeborene bei den Steinkreisen findet. Die Missgeburt ohne einen Schwanz, wie ihn alle in den elf Reichen von Ymsland tragen.
Übersetzt von Dagmar Mißfeldt und Dagmar Lendt
Zürich: Arctis Verlag 2018
656 S. | € 20,60
Es ist eine kalte Nacht voll Schnee und Eis, in der Thorrald das Neugeborene bei den Steinkreisen findet. Die Missgeburt ohne einen Schwanz, wie ihn alle in den elf Reichen von Ymsland tragen. Ein Odinskind, das durch die Rabenringe aus einer anderen Welt gekommen ist, ein Mensk, der nach altem Glauben eine Seuche unter den Ymlingen verbreitet. Doch Throrrald rettet das Mädchen, zieht Hirka auf, verheimlicht ihre Herkunft. Der Wolf sei es gewesen, der ihren Schwanz geholt habe… Doch nicht nur darin unterscheidet sich Hirka von allen anderen – auch die Gabe besitzt sie nicht, die besonderen, magischen Fähigkeiten der Ymlinge. Bis zu ihrem fünfzehnten Geburtstag bleibt ihr Geheimnis verborgen, doch nun droht die Entdeckung - ihr Leben ist in Gefahr. Thorrald muss ihr die Wahrheit sagen …
So beginnt der erste Band der Rabenringe-Trilogie der norwegischen Autorin Siri Petterson, die mit „Odinskind“ einen hochklassigen Vertreter des High-Fantasy Genres geschaffen hat. Auf über 650 Seiten entfaltet sich eine komplexe Welt, die einem imaginierten Mittelalter im hohen Norden nicht unähnlich, aber natürlich ihren eigenen Gesetzen unterworfen ist. Beschützt wird sie, so der Glaube des Volkes, vom Seher, einem gottähnlichen Wesen in Rabengestalt, dem der Rat der Zwölf unterstellt ist. Dieser sollte eigentlich dem Schutz der Bewohner von Ymsland dienen, doch die Politik der machtverliebten Oligarchen ist nur dem eigenen Vorteil verpflichtet, sie tun alles, um ihren Familien den Sitz im Rat zu bewahren. Allen voran Ilume, deren Enkel Rime von Geburt an dazu bestimmt ist – und der sich dennoch dieser Bestimmung entzieht.
Innere Kämpfe korrelieren mit äußeren, Zweifel an vermeintlichen Wahrheiten mischen sich mit Selbstzweifeln, Glauben wird zu Irrglauben. Ohne Atem zu holen, kämpft sich die rothaarige Hirka wild entschlossen durch eine raue, gewalttätige Welt, überlebt oft nur knapp und nur durch Rimes Hilfe. Gemeinsam werden sie die Geschicke von Ymsland wenden und jahrhundertealte Lügen aufdecken.
Mit hohem Tempo führen die detailliert ausgearbeiteten Charaktere durch eine Handlung voll überraschender Wendungen — hier ist wenig vorhersehbar, selbst wenn die Autorin auch mit sehr bekannten Motiven arbeitet: dem Raben als mythischem Krafttier, den „Blinden“, die als lebende Tote Ymsland bedrohen, den Steinkreisen als Tor zwischen den Welten, die aussichtslos scheinende Liebe zwischen Hirka und Rime.
Motive, wie man sie aus Kassenschlagern wie „Das Lied von Eis und Feuer“ oder der „Highland Saga“ kennt. Und doch bleibt „Odinskind“ frisch und unverbraucht, straff spannt sich der Handlungsbogen in einem gut getakteten Perspektivenwechsel: Erzählt wird aus der Sicht von Hirka, Rime und dem Ratsmitglied Urd, der ein schreckliches Geheimnis verbirgt und mehr über Hirkas Schicksal zu wissen scheint als irgendjemand sonst …

„Willst du mir erzählen, dass du für einen Raben gekämpft hast? Ein Federvieh? Oder hast du für das gekämpft, was Er für dich war?“ So rettet Hirka Rime aus seiner Verzweiflung. „Was waren die Worte des Sehers, Rime?“ „Stärke. Liebe. Wahrheit. Gerechtigkeit.“ „Sind die Worte immer noch wichtig? Ohne ihn? Was Er für dich war, gibt es noch immer, auch wenn es Ihn nicht mehr gibt.“
Ambivalente Charaktere stellen große Fragen. Und weit und breit keine Drachen, Elfen oder Zwerge. „Odinskind“ könnte sogar Skeptiker des Fantasy-Genres bekehren.