Jenny-Mai Nuyen: Nacht ohne Namen

Fantasy – das Genre erfreut sich seit längerem großer medialer Beliebtheit. In TV-Serien, Filmen und Büchern wimmelt es, diesseits und jenseits der populärkulturellen Trash-Grenze, von phantastischen Wesen, Zauberern, Geistern – und Dämonen. So auch in Jenny-Mai Nuyens neuem Jugendroman „Nacht ohne Namen“.

München: dtv 2015


Fantasy – das Genre erfreut sich seit längerem großer medialer Beliebtheit. In TV-Serien, Filmen und Büchern wimmelt es, diesseits und jenseits der populärkulturellen Trash-Grenze, von phantastischen Wesen, Zauberern, Geistern – und Dämonen. So auch in Jenny-Mai Nuyens neuem Jugendroman „Nacht ohne Namen“.

Nicki ist Außenseiterin, Einzelgängerin, obdachlos im übertragenen Sinn. Die Wohnung, in der sie ihrer sozialhilfebeziehenden, gedankenlos egomanischen Mutter aus dem Weg zu gehen versucht, kann kaum als Zuhause bezeichnet werden; seit ihr kleinkrimineller Vater im Gefängnis sitzt, hat Nicki sich auch von ihren Freunden abgekapselt. Zurückgezogen lebt sie in ihrer eigenen inneren Welt, bis sie eines Tages in der S-Bahn einen Jungen trifft, Canon, mit dem sie auf merkwürdige Art verbunden zu sein scheint. Obwohl sie nur diese gemeinsamen Fahrten durch das morgengraue Berlin teilen, auf denen sie sich unterhalten und andere Passagiere zeichnen, fühlt sich Nicki mit einer Intensität zu ihm hingezogen, die sie sich selbst nicht recht erklären kann. Als Canon plötzlich verschwindet, führt sie die Suche nach ihm tief in eine magische Parallelwelt, in der Menschen mit Dämonen Pakte schließen. Klassische Verträge, gültig durch Handschlag und die Nennung des eigenen Namens, durch die der Mensch von seinem Dämon eine besondere Fähigkeit erhält und dieser im Gegenzug dessen Körper in Besitz nehmen kann, vom Gedanken zur begreifbaren Realität wird. Nun ist es, wie zu erwarten, nicht unproblematisch, mit Wesen aus der Unterwelt Geschäfte zu machen – denn die bekriegen sich gegenseitig und tun alles, um ihre Macht zu vergrößern. Allen voran Osilber, der Herr des Glanzes, der das Geld verkörpert, aber auch Nahovizer, der Herr des Lichts, der in sich Gott und Teufel vereinigt. Sie werden zu Nickis Kontrahenten in ihrem Bemühen, Canon vor seinem Dämon zu retten. Dabei steht ihr ein eigenes „Fließwesen“ zur Seite, Tallis, ein von sich selbst recht überzeugter Liebesdämon, der seine menschlichen Körper rasch wechselt – und dabei immer beeindruckend gut aussehend bleibt.

Nicht zuletzt in Figuren wie dem sehr amüsanten Tallis zeigt Nuyen, was ihre Qualität ausmacht - das Buch kann immer wieder überraschen – nicht nur durch Handlungsvolten, sondern auch durch seine Figurenzeichnung. Dem Psychogramm der Hauptfigur wird ebenso großer erzählerischer Raum gewidmet wie der von Spannung dominierten phantastischen Handlung.

Wie geht es einer Jugendlichen, die keinen anderen Menschen hat, dem sie sich anvertrauen kann, niemanden, der sie auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden begleitet, die allein gelassen ist bei ihrem Versuch, sich in dieser Welt und ihren Gesetzmäßigkeiten zurecht zu finden. Es ist eine ironische Absurdität, dass die Parallelwelt, in der das Mädchen gegen Dämonen kämpft, einer wenn möglich noch rigideren Reglementierung als der uns bekannten unterworfen ist. Die Bürokratie, die in der „Kanzlei“ herrscht, Nickis Anlaufstelle und Übergangsportal in die andere Dimension, sucht ihres gleichen. Wobei das oberste Gesetz stets die Macht des Wortes ist. Realität kann nicht nur durch reine Vorstellungskraft, Phantasie und Kreativität erzeugt werden, sondern auch durch Sprache.

Cover
„Nacht ohne Namen“ verbindet Spannung und Unterhaltung mit Fragen wie: Wie erschaffen wir unsere Wirklichkeit? Welchen Herrschern sprich Werthaltungen unterwerfen wir uns? Mit welchen selbst ins Leben gerufenen Dämonen haben wir es zu tun, und wie können wir uns von ihnen befreien? Dazu ein Tipp: durch Veränderung. Der Pakt mit einem Dämon gilt nämlich nur so lange, wie die Persönlichkeit, mit der er geschlossen wird, dieselbe ist.

Nuyen schreibt ausgesprochen bildhaft, scheut sich nicht vor Metaphern - die Größe der Themen, die sie in ihrem Buch behandelt, korrespondiert mit einer, sagen wir, gewissen erzählerischen Wucht. Da ist der Pinselstrich schon mal dicker aufgetragen, da wäre in Teilen weniger mehr gewesen – vor allem auch, was die Themendichte angeht. Ein Fantasy-Roman, auch wenn die Figuren nicht nur sich selbst, sondern immer auch gleich die ganze Welt zu retten haben, muss nicht alle existentiellen Fragen unserer Gesellschaft aufgreifen. Und ein paar Passagen hätten sich auch kürzen lassen, aber möglicherweise wäre das Buch dann unter den für das Genre erwarteten Umfang gekommen….

Nichtsdestotrotz zeigt „Nacht ohne Namen“, dass Fantasy nicht automatisch platt und überraschungsarm zu sein hat. Sondern feine erzählerische Twists, witzige Figuren und tiefer gehende gedankliche Auseinandersetzungen bieten kann. Für Liebhaber des Genres auf jeden Fall ein Gewinn.

Karin Haller