Jon Walter: Mein Name ist nicht Freitag

Unser Name gehört zu uns. Wird er uns ohne unseren Willen genommen, verlieren wir einen Teil unserer Identität. „In diesem Augenblick stirbt ein kleines Stück von mir."

Aus dem Englischen von Josefine Haubold
Hamburg: Carlsen 2017


Unser Name gehört zu uns. Wird er uns ohne unseren Willen genommen, verlieren wir einen Teil unserer Identität. „In diesem Augenblick stirbt ein kleines Stück von mir. Ich spüre, wie es mich verlässt, als ich die Stimme hebe: „Freitag. So heiße ich.“ Es wird Jahre dauern, bis Samuel seinen Sklavennamen wieder ablegen kann. „My Name´s Not Friday“, „Mein Name ist nicht Freitag“ ist denn auch der Titel des neuen historischen Romans von Jon Walter.

In Mississippi zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs haben Schwarze keine Rechte, als Sklaven schon gar nicht, aber auch nicht, wenn sie in einem Waisenhaus aufwachsen. Obwohl frei geboren, wird der zwölfjährige Samuel als Sklave verkauft und von einem Jungen ersteigert, der gerade mal so alt ist wie er. Auf der Baumwollplantage der Allens lernt er Gefangenschaft, Hunger und harte Arbeit kennen, doch sein junger Besitzer Gerald ist kein Peiniger. Er bemüht sich nahezu um Samuels Freundschaft, will ihm sogar das Lesen beibringen. Ein revolutionäres Ansinnen - ist Sklaven doch jegliche Form von Bildung strengstens untersagt. Was Gerald und erst recht seine Stiefmutter, Mrs. Allen, nicht wissen: Samuel liest und schreibt fehlerfrei. Und er ist davon überzeugt, von Gott einen Auftrag erhalten zu haben: seinen Leidensgenossen das Lesen und Schreiben beizubringen. Alle nehmen heimlich bei ihm Unterricht. Als der Regelbruch auffliegt, stehen die Unionstruppen schon vor der Tür – Mrs. Allen kann ihre Sklaven nicht mehr der Bestrafung zuführen. Die Plantage geht in Flammen auf, Samuel gelingt die Flucht, schlägt sich zur Front durch, wird schwerst verletzt. Und doch gelingt ihm, was während der vergangenen zwei Jahre immer sein Ziel und sein Antrieb war: seinen Bruder Joshua wiederzufinden. Und am Ende steht die Chance auf einen Neuanfang in Freiheit.

Das Besondere an Jon Walters Roman liegt in der Zurückhaltung seiner Erzählweise: Der historische Hintergrund, akribisch recherchiert, wird deutlich, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Wiewohl auch physische Grausamkeit dargestellt wird, vermittelt sich die Unmenschlichkeit der Sklaverei besonders intensiv in den Szenen, in denen keine körperliche Gewalt ausgeübt wird. Wenn auf der Auktion ein junger Mann versteigert wird, der sich zur Begutachtung sogar entblößen muss, oder wenn es kein gutes Zeichen ist, dass für das hübsche Mädchen neben Samuel besonders viel geboten wird. Nahezu verstörend ist die Passage, in der die Sklavin Lizzy allen ihren Hühnern eigenhändig den Hals umdreht, weil die Missus die Tiere für das Weihnachtsfest fordert. Und dabei leichthin vor sich hin plaudert. „Alles, was Sklaven besitzen, gehört den Herren. So sind die Regeln.“
Die Perfidie des Systems tritt vor allem in der Figur von Mrs. Allen zutage. Der Frau mit den zwei Gesichtern, die ihren Vorarbeiter wie besessen auspeitscht und danach fürsorglich seine Wunden versorgt. Worin sie keinen Widerspruch sieht, schließlich habe sie das Richtige getan. Aus seinen Fehlern könne er nur lernen, wenn er seine gerechte Strafe annimmt. So wie sie grundsätzlich davon überzeugt ist, dass die Sklaverei nur dem Schutz der Schwarzen dient. „Wenn man sie sich selbst überließe, werden sie alle verhungern. Hier haben sie es am besten.“ Sich selbst Rechtfertigungen für unmenschliches Handeln zu recht zu zimmern, darin sind die weißen Herren gut. Auch der Pater, der nicht nur Samuel, sondern immer wieder einen seiner Schutzbefohlenen in die Sklaverei verkauft, um das Waisenhaus zu erhalten. „Was ich getan habe, diente einem höheren Zweck.“

Cover
Auch Samuel meint zunächst, einer Bestimmung zu folgen. Wenn er gut ist, kann er die vermeintliche Schlechtigkeit seines Bruders aufwiegen. Wenn er die Sklaven lesen lehrt und ihnen damit „den Weg aus der Wüste weist“, passt Gott auf Joshua auf. Nur langsam wandelt sich sein unerschütterlicher Glauben an einen personalen, intervenierenden Gott, bis er ganz am Ende feststellt: „Ich bin mir nicht mehr so sicher mit allem wie früher. (…) Die Welt ist doch viel komplizierter, als ich dachte. Wenn ich etwas gelernt habe, dann das.“ Glaubwürdig zeichnet der britische Autor den Weg seines Ich-Erzählers von der Überzeugung, dem Willen eines strafenden und belohnenden Gottes ausgeliefert zu sein, hin zum Wissen um die selbstbestimmte Eigenverantwortung.

„Mein Name ist nicht Freitag“ ist Abenteuerroman, Entwicklungsroman und natürlich historischer Roman, der den amerikanischen Bürgerkrieg, Sklaverei und Rassismus nicht durch faktenbasierte Informationen vermittelt, sondern in Impressionen und Emotionen verdichtet. Eine in mehrfacher Hinsicht spannende Lektüre.

Karin Haller