
David Levithan: Letztendlich sind wir dem Universum egal
Seit der Geburt wacht A jeden Morgen in einem anderen Körper auf, in dem er/sie bis exakt um Mitternacht feststeckt.
Frankfurt/M.: Fischer 2014
„In deiner Haut möchte ich nicht stecken.“ Das sagt sich leicht im Bewusstsein, dass genau das physisch unmöglich ist – die körperliche Identität eines anderen anzunehmen. Doch nicht für A, die Hauptfigur in David Levithans Jugendroman „Letztendlich sind wir dem Universum egal“. A – den Namen hat sie, hat er sich selbst ausgedacht. Denn es gab und gibt niemanden, der von ihm/ihr weiß: Seit der Geburt wacht A jeden Morgen in einem anderen Körper auf, in dem er/sie bis exakt um Mitternacht feststeckt.
Ein Ich ohne biologisches Geschlecht, ohne eigene Geschichte erzählt von 40 Tagen, die es in täglich wechselnden Körpern erlebt. Und dabei arbeitet sich der Autor an einer Typologie klassischer 16jähriger ab: Mädchen, Jungen, ganz normale Teenager, Schwule, Heteros, nette Kreative, geistlose Dumpfbacken, Streber, Suizidgefährdete, Drogensüchtige. A lebt ihr Leben, jeweils für einen Tag, und weil er/sie davon überzeugt ist, dass alle Menschen im Wesentlichen gleich sind und wir uns viel zu sehr auf die Unterschiede konzentrieren, gelingt die Übung. Bemerkenswerterweise ist dieses unter doch recht ungewöhnlichen Bedingungen existierende Ich weder wahnsinnig geworden noch zynisch-nihilistisch oder gar böse, ganz im Gegenteil. A ist bruchlos gut, da fragt man sich, ob man das auch hinkriegen würde, so gar nicht in Versuchung zu kommen, tun und lassen zu können, was man will – wenn es für einen selbst überhaupt keine Konsequenzen hat. Morgen ist man ja schon wieder jemand anderer. Doch A missbraucht seine/ihre Macht niemals. Erst, als er/sie sich verliebt, gestattet sich das erzählende Ich, eigenen Bedürfnissen zu folgen.
Ja, auch wenn sie/er gelernt hat, keine Bindungen einzugehen – A verliebt sich, und wie. Ist erstmals nicht nur der Gegenwart verhaftet, sondern wünscht sich eine Zukunft. Diese Liebesgeschichte trägt das Buch. Jeden neuen Tag, in immer neuen Körpern sucht A Rhiannons Nähe. Was gelingt, weil eine der Gesetzmäßigkeiten von A´s Existenz lautet, dass jeder Körper, in den er/sie schlüpft, ungefähr so alt wie A ist, im Augenblick also sechzehn, und geographisch nicht allzu weit vom Vorgängerkörper entfernt. A offenbart sich Rhiannon und kann sie langsam von der Ungeheuerlichkeit seines/ihres Lebens überzeugen. Kann es den beiden unter diesen Voraussetzungen gelingen, eine Beziehung zu führen? Und wie geht es mit Nathan weiter, eine der Personen, deren Körper entliehen wurde, der davon überzeugt ist, von Dämonen besessen gewesen zu sein – gelingt es ihm, hinter A´s Existenz zu kommen?
In seiner Verliebtheit ist A so normal, wie ein Teenager nur sein kann, mal davon abgesehen, dass sein Sexualtrieb eher unterentwickelt ist. Selbst als sich Rhiannon auf dem Serviertablett anbietet, will das erzählende Ich nicht über Küsse hinaus gehen. Es ließe sich darüber spekulieren, ob man keine sexuellen Bedürfnisse entwickelt, wenn man kein sexuelles Geschlecht hat, oder ob das jetzt einfach nur damit zu tun hat, dass der Autor Amerikaner ist.

Das kann man dem Text nicht zum Vorwurf machen, schließlich verfolgt er nicht den Anspruch einer existenzphilosophischen Auseinandersetzung – auch wenn eine humanistische Grundhaltung im Text immer wieder festgeschrieben wird: Es ist nicht wichtig, wer wir sind oder wo wir herkommen, welches Geschlecht wir haben oder welcher Religion und Rasse wir angehören. Zum Menschsein gehört, sich umeinander zu kümmern. Weil wir dem Universum egal sind, „dürfen wir einander nicht egal sein.“
Gut, das merken wir uns. Und sind dabei nach der kurzweiligen Lektüre von fast vierhundert Seiten irgendwie froh, nur diese eine Haut zu haben. Und sich nicht in der von anderen herumschlagen zu müssen.