
David Almond: Lehmann oder Die Versuchung
„An meinen Zähnen klebte noch ein Stück Kommunion-Hostie. Ich pulte es mit der Zunge frei und schluckte es hinunter, dann zog ich wieder an der Zigarette.“
München: Hanser 2007
„An meinen Zähnen klebte noch ein Stück Kommunion-Hostie. Ich pulte es mit der Zunge frei und schluckte es hinunter, dann zog ich wieder an der Zigarette.“
In seinem neuen Jugendroman „Lehmann oder Die Versuchung“ erzählt David Almond seine Geschichte vorwiegend in Bildern. Bilder aus der erzkatholischen nordenglischen Kleinstadt Felling, in der das Leben zunächst in geregelten Bahnen verläuft.
David, Ministrant wie sein Freund Geordie, hat eigentlich nur heimliches Rauchen und Messweintrinken zu beichten, fünf „Gegrüßest seist du Maria“ und ein Vaterunser, und alles ist wieder gut. Man kann wieder dem Vater die Zigaretten und dem Pater den Messwein klauen, Passanten anpöbeln und dem gewalttätigen Mouldy aus der verfeindeten Nachbargemeinde in aller Unschuld den Tod wünschen.
Bis plötzlich Stephen Rose auftaucht. Ein Junge mit einer Haut wie Wachs und unruhigen Augen, der nachts im Garten den Mond anstarrt und ein außergewöhnliches Talent hat, lebensechte Figuren aus Lehm zu gestalten. Angeblich ist er wegen schwarzer Messen vom Priesterseminar geflogen, seine Familie scheint eine Ansammlung von Verrückten zu sein. Geordie ist gegen seine dunkle Außergewöhnlichkeit resistent, doch der hypersensible Davie wird von Stephens Charisma magisch angezogen, wehrlos gegen dessen hypnotische Fähigkeiten, Menschen zu manipulieren. So gerät er in ein gefährliches Spiel mit dem Übersinnlichen, bei dem ein Golem geschaffen wird, Mouldy wirklich stirbt und Davie über die Grenzen seines Verstandes hinausgeht. Lehmann, das aus Lehm geformte Monster, wird am Ende wieder zu Erde. Stephen Rose verschwindet für immer.
Almond imaginiert das Unglaubliche in der Realität pubiertierender Jungen, die sich zwischen Freundschaft und Prügeleien, erster Verliebtheit und harmlosen Streichen bewegt. Stellt die großen Fragen nach der Existenz Gottes, nach seiner Schöpferkraft und der des Menschen, erzählt von der Widersprüchlichkeit zwischen der Leidenschaft zu gestalten und der zu zerstören.
Vom Kampf zwischen Gut und Böse, das gleichermaßen in uns angelegt ist. Davie erliegt der Faszination der dunklen Seite. Bis Stephen ihn wieder freigibt:
„ Er wedelt mit der Hand vor meinen Augen. „Du denkst, du bist ein guter Mensch, wie?“ sagt er. „Du, der einen Hund erschlagen hat. Du, der das Wesen mitgeschaffen hat, das mit an Mouldys Tod schuld ist. Du, der Lehmann umbringen wollte. Aber für dich gibt es Güte, für dich gibt es ein ganz normales Leben.“

Es gibt leichte, heitere Bücher, die sich gut für einen Sommertag am Strand eignen. Und es gibt dunkle, unheimliche, die besser in die Nacht passen. „Lehmann“ zählt zu den letzteren. Man kann darüber nachdenken, über die spirituellen Fragen streiten und diskutieren. Oder sich einfach nur von der düsteren Spannung dieser jugendliterarischen Golem-Version gefangen nehmen lassen.
„Es ist das erste Mal, dass ich die Geschichte erzählt habe. (…). Mag sein, dass viel Verrücktes darin steckt. Ich habe gelernt, dass die verrücktesten Dinge die wahrsten sein können. Ihr glaubt mir nicht? Macht nichts. Sagt euch, es ist ja nur eine Geschichte, nicht mehr.“
Eine Geschichte. Nicht mehr. Aber was für eine. Gut, dass sie erzählt wurde.