Juliane Pickel: Krummer Hund

Daniel ist Täter und Opfer, verursacht Leid und leidet selbst – dieser Ich-Erzähler balanciert ständig auf einem Grat.

Weinheim: Beltz & Gelberg 2021
264 S. | € 15,40



Daniel ist kein übertrieben netter junger Mann, nicht unbedingt der sympathische Typ, den man sofort ins Herz schließt. Meist fällt er ohnehin gar nicht auf – wenn er aber auffällt, dann heftig. Hat er nämlich einen seiner unkontrollierbaren Wutanfälle, zerkratzt er nicht nur Autos, sondern tritt Hunde oder verprügelt jüngere Mitschüler. Ein Psychiater, wenn er denn mit einem spräche, würde es möglicherweise eine Störung der Affektkontrolle nennen. Daniel selbst beschreibt es als physisches Phänomen: „Es ist nicht so, dass ich diese Sachen tun will. Aber da passiert etwas mit meinem Körper. […] Zuerst wird meine Brust ganz eng, so eng, dass ich denke, ich bekomme keine Luft mehr. Als würde mich eine riesige Welle unter Wasser drücken. Und dann öffnet jemand irgendwo in meinem Körper ein Ventil, und aus dem strömt ein Gas aus, ein giftiges, heißes Gas […]“.

Juliane Pickel wagt sich in ihrem mit dem Peter Härtling-Preis 2021 ausgezeichneten Romandebüt „Krummer Hund“ an einen komplexen Protagonisten. Daniel ist Täter und Opfer, verursacht Leid und leidet selbst, ist für Edgar ein guter Freund, an dem er aber auch Verrat begeht – dieser Ich-Erzähler balanciert ständig auf einem Grat. Die Gründe für sein Verhalten werden nicht ausanalysiert, es werden keine eindeutigen Ursache-Wirkungszusammenhänge ausgewiesen. Wobei man Hintergründe erfährt, die mit der explosiven Instabilität dieses Jugendlichen zu tun haben könnten: Sein Vater hat vor vielen Jahren die Familie verlassen und die Mutter, die in ständig wechselnden Kurzbeziehungen zwischen Euphorie und depressiver Verzweiflung pendelt, zeichnet sich auch nicht gerade durch emotionale Ausgeglichenheit aus. Schuldzuweisungen werden jedoch ganz explizit abgelehnt. Als Daniel versucht, sich damit zu rechtfertigen, einfach nichts gegen seine gewalttätigen Aussetzer tun zu können, macht ihm seine Mitschülerin Alina klar: „Vielleicht solltest du aufhören zu denken, dass dir die Dinge einfach passieren. […] Das, was in dir ist, das passiert dir nicht. Das machst du alles selbst.“


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Schwarzweiß-Zeichnungen interessieren die Autorin nicht, auch nicht in den anderen Figuren: Alina oder „Princess Evil“, wie Daniel und Edgar sie nennen, macht andere mit sadistischer Treffsicherheit fertig – um die Kontrolle zu behalten. „Ich entscheide eben selbst, was andere über mich denken“ erklärt sie. „Aber wenn du dich so benimmst, bist du noch mehr alleine.“ […] „Hat ja auch niemand behauptet, dass das Ganze logisch ist.“
In ihrer Widersprüchlichkeit kommen die beiden Jugendlichen einander dann näher, verlieben sich sogar. Heimlich, denn seine Beziehung zu Princess Evil will Daniel vor dem von ihr fast besessenen Edgar lange verbergen. Auslöser der Liebesgeschichte und zusätzlicher Handlungsmotor ist der Tod von Alinas Bruder, der nach einer Party bei einem Unfall mit Fahrerflucht ums Leben gekommen ist. Einer Party, an deren Ende sich Daniel nicht mehr erinnern kann - alkoholbedingtes Blackout. Hat gar der neue Freund seiner Mutter, der ihn mit dem Auto abgeholt hat, den Unfall verursacht?

Eine Frage, die der Text nicht beantwortet. „Krummer Hund“, schreibt der renommierte Autor Andreas Steinhöfel in einer Rezension, „macht so vieles anders. Seine Dramaturgie, klassische Regeln unterlaufend, ist von erfrischender Heimtücke.“

So wie die Protagonist*innen in ihrer Vielschichtigkeit zwischen Extremen pendeln, so beherrscht der Ich-Erzähler, der seine Umgebung und sich selbst präzise wahrnimmt, auch unterschiedliche Tonalitäten, von ironisch über neutral bis hin zu berührend. Letzteres vor allem dann, wenn er in Bildern erzählt, die seine Emotionen ganz unmittelbar verdeutlichen. Wie beispielsweise in der Anfangsszene, in der sein über alles geliebter Hund Ozzy eingeschläfert wird. Hier ist nicht von Trauer, Verzweiflung oder Hilflosigkeit die Rede. Hier heißt es: „Mit schweren Beinen gehe ich zur Tür. Der lange Praxisflur ist ein endloses Sumpfgebiet.“
Aber auch diese durchaus bewegende Szene wird ganz unsentimental mit Witz konterkariert, wenn Daniel schildert, wie der Tierarzt mit der Spritze in der Hand höchst erfolgreich seine Mutter anbaggert.

Nein, nett ist dieser Ich-Erzähler nicht. Aber man versteht ihn, und er ist so liebens- wie das Buch lesenswert.

Karin Haller