
Klick. Zehn Autoren erzählen einen Roman
Wenn man auf den Auslöser einer Kamera drückt, entsteht eine Momentaufnahme. Doch wenn man sich die Fotographien aneinander gereiht ansieht, wird aus den einzelnen Bildern eine zusammenhängende und zusammengehörige Bilderreihe. Genau das ist das Prinzip des neuen Jugendromans „Klick“.
München: Hanser 2009
Wenn man auf den Auslöser einer Kamera drückt, entsteht eine Momentaufnahme. Doch wenn man sich die Fotographien aneinander gereiht ansieht, wird aus den einzelnen Bildern eine zusammenhängende und zusammengehörige Bilderreihe. Genau das ist das Prinzip des neuen Jugendromans „Klick“.
Es ist jedoch nicht eine Person, die hier den Auslöser betätigt hat, sondern mehrere: Der Roman setzt sich aus einer Sammlung von Short Storys aus der Feder von zehn Autorinnen und Autoren aus den USA, England, Irland und Kanada zusammen, darunter literarische Größen wie David Almond, Nick Hornby oder Roddy Doyle. Ein Roman nach dem Kettenbrief-Prinzip: Ein Autor schreibt die erste Geschichte, die der zweite liest und die seine hinzufügt, der dritte bekommt die ersten beiden Texte und so fort.
Ausgangspunkt ist eine Kurzgeschichte von Linda Sue Park: Maggies Großvater Gee war für das Mädchen Vertrauter, Zuhörer und Inspiration, als Fotoreporter ist er um die ganze Welt gekommen, hat viel gesehen und viel erlebt. Und nun ist er gestorben. Ihr hat er ein Kästchen mit Muscheln hinterlassen, die sie in die sieben Weltmeere zurückwerfen soll, ihrem Bruder Jason eine Sammlung von signierten Fotos prominenter Sportler.
Die darauffolgenden Erzählungen greifen daraus Personen, Motive oder Schauplätze auf. Sie führen uns in ein russisches Gefängnis, in dem ein Insasse das Kästchen anfertigt, an die kühlen Strände von Northumbria, wo ein Mädchen lebt, das auch eine kleine Meerjungfrau ist, nach Irland zum Kampf Muhammad Ali gegen Al Lewis 1972, nach Japan unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie führen zurück in Großvater Gees mysteriöse Vergangenheit, und sie führen in die Zukunft: Das Schlusskapitel spielt Jahrzehnte nach dem Anfang – die steinalte Maggie stellt eine Ausstellung mit Fotographien ihres Großvaters und ihres Bruders zusammen. So vernetzen sich die einzelnen Momentaufnahmen zu einem Bild, so ergeben die Erzählungen ein Geschichten-Geflecht, dessen einzelne Bestandteile selbständig und miteinander verbunden sind: Großvater Gee und das Motiv der Fotographie begleiten uns durch den Roman, Gees Vermächtnis öffnet seinen Enkeln die Augen für die Vielfalt der Welt und die Vielfalt der eigenen Möglichkeiten.
Die Idee zu dem Projekt stammt vom fast schon legendären New Yorker Verleger Arthur Levine, der nicht nur Harry Potter im Programm hat, sondern auch neue Stars wie den Australier Shaun Tan.

Es ist spannend zu lesen, welche erzählerischen Zugänge die einzelnen Autoren und Autorinnen wählen, welches Detail aus dem begonnenen Manuskript sie zu ihrem eigenen Text inspiriert hat. Auf diese Frage geben die zehn Künstler im Anhang eine Antwort. Bei Ruth Ozeki war es ein einziges Wort: „Krieg“, das sie von der ersten Seite direkt ansprang. Eoin Colfer fühlte sich von einem einzelnen Satz angesprochen, Roddy Doyle wurde von Großvater Gees Nachnamen an den irischen Fußballer Roy Keane erinnert: Sie alle bringen ihre persönlichen Interessen und Erinnerungen mit ein, greifen auf, was Bilder und Geschichten in ihnen entstehen lässt und lassen dann ihrer Phantasie freien Lauf. So ergibt sich neben dem Lesegenuss der Kurzgeschichten selbst auch ein interessanter Einblick in die Vorgangsweise eines Schreibenden.
Meistens sind, wenn wir fotographieren, auch einige Bilder darunter, die weniger oder gar nicht gelungen sind. Bei „Klick“ ist das nicht der Fall. Jeder einzelne der zehn Texte steht auf hohem literarischem Niveau, führt exemplarisch die gelungene Konzeption einer Short Story vor und fügt sich dabei nahtlos in das Gesamtbild ein. „Viele Köche verderben den Brei“, sagt ein Sprichwort. Von wegen.