
Andreas Jungwirth: Kein einziges Wort
Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, kann über dein Leben entscheiden: Zufällig stolpert der zwölfjährige Simon im Maisfeld über einen Hund mit aufgeschlitzter Kehle, daneben ein Messer und ein Zettel, auf dem „Letzte Warnung“ steht.
Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, kann über dein Leben entscheiden: Zufällig stolpert der zwölfjährige Simon im Maisfeld über einen Hund mit aufgeschlitzter Kehle, daneben ein Messer und ein Zettel, auf dem „Letzte Warnung“ steht. Ohne groß nachzudenken, ruft er die Polizei – um verwirrt festzustellen, dass bei deren Eintreffen sowohl das Messer als auch der Zettel verschwunden sind. Und der Mann, der plötzlich aufgetaucht ist, Vogt, tut so, als ob es beides nie gegeben hätte.
Bald schon erkennt der Junge, dass er einem Gegner in die Quere gekommen ist, mit dem man sich besser nicht anlegt – Vogt wird nicht umsonst der „Schakal“ genannt. Er hat hier in der Gegend das Sagen, und er will den alten Hubert – den Besitzer des toten Hundes – vom Meiergut vertreiben, um dort ein Einkaufszentrum bauen zu können. Simon soll zum Schweigen gebracht werden, und das gelingt einem anonymen Drohanruf zur Gänze. Der Junge zieht seine Aussage über das Messer und den Zettel zurück, läuft vor der Polizei davon, belügt seine Eltern, sagt kein einziges Wort mehr darüber.
„Kein einziges Wort“, der Debut-Jugendroman des oberösterreichischen Schauspielers und Theaterautors Andreas Jungwirth, ist dramaturgisch durchdacht aufgebaut, nicht umsonst kommt der Autor von der Bühne und weiß über Spannungsbögen gut Bescheid.
Ebenso wie über glaubwürdige Figurenzeichnung: Die Anfangssequenz stellt Simon vor, als er gerade von Klassenkameraden verprügelt zu werden droht. Simons Reaktion darauf: Er schließt die Augen. Ein etwas älterer Junge rettet ihn, Chris, rebellisch, aufmüpfig, sich nicht um Vorschriften kümmernd. Die beiden werden Freunde. Ihm vertraut sich Simon auch an, als er den toten Hund findet – doch Chris scheint seine eigenen Interessen in der ganzen Sache zu verfolgen. Als Simon dann auch noch Zeuge wird, wie der alte Hubert überfallen und das Meiergut abbrennt, wird die Situation zusehends gefährlich – Simon hat die Täter gesehen. Er vertraut überhaupt niemandem mehr, hat einfach Angst – und daher lügt und schweigt er weiter. Bis er sich in Silke verliebt. Sie hält es gerade nicht so gut aus, wenn die Wahrheit verschwiegen werden soll, weil ihre Eltern sich aufgrund von Lügen und Betrug trennen – sie wird zum Motor für Simons Handeln. Zusammen mit Chris, der unvermittelt die Initiative ergreift und einen völlig unüberlegten und gefährlichen Plan in die Tat umsetzt. Nun ist es Simon, der am Ende den Freund retten muss ...

„Kein einziges Wort“ ist zudem eine Familiengeschichte – ein guter Teil des Buches widmet sich dem Plot um Simons große Schwester Anne, die ihr Studium schmeißt, mit einer Band auf Tour geht und damit das Familiengefüge aus dem Gleichgewicht bringt. Und es ist eine Freundschaftsgeschichte, in der die Beziehung zwischen den beiden ungleichen Jungen Simon und Chris zusammen mit ihren Helden eine Entwicklung und Veränderung durchläuft. Wobei der Focus zur Gänze auf Simon bleibt, seine Ich-Perspektive wird an keiner Stelle des Textes durchbrochen, es ist seine Brille, durch die alles gesehen wird, stark der Gegenwart des jeweiligen Erzählzeitpunktes verhaftet. Keine Vorgriffe, keine rückwärts gewandten Interpretationen, alles sehr rund und schlüssig, auch die Setzung von Leerstellen passt gut.
Über einen Aspekt der formalen Gestaltung lässt sich allerdings streiten. Die häufige Verwendung von Versalien, die keiner nachvollziehbaren Funktion wie Betonung, Hervorhebung oder Strukturierung folgt, zerreißt optisch den Text. Von diesem Detail abgesehen aber ein spannendes, erzählerisch überzeugendes Buch, das Krimi, Familien- und Freundschaftsgeschichte in einem Guss vereint.