
Jenny Valentine: Kaputte Suppe
Ahnungslos steht die sechzehnjährige Rowan im Supermarkt an der Kasse, als ihr ein fremder Junge plötzlich ein Fotonegativ in die Hand drückt, das sie angeblich hat fallenlassen. Sie nimmt es, obwohl sie mit Sicherheit weiß, dass es ihr nicht gehört.
München: dtv 2010
Ahnungslos steht die sechzehnjährige Rowan im Supermarkt an der Kasse, als ihr ein fremder Junge plötzlich ein Fotonegativ in die Hand drückt, das sie angeblich hat fallenlassen. Sie nimmt es, obwohl sie mit Sicherheit weiß, dass es ihr nicht gehört.
Damit kommen in Jenny Valentines neuem Jugendroman „Kaputte Suppe“ Ereignisse ins Rollen, die Rowans Leben unumkehrbar verändern werden. Denn die Fotographie zeigt Rowans älteren Bruder Jack. Ihren verstorbenen Bruder. Vor zwei Jahren ist er ertrunken, die ehemals glückliche Familie ist an dem Unglück zerbrochen. Die Eltern haben sich getrennt, Rowan und Stroma leben bei der Mutter, die in tiefster Depression apathisch vor sich hin vegetiert, ohne von ihren beiden Töchtern Notiz zu nehmen: „Kaum war sie wach, wollte sie unbedingt wieder einschlafen.“
Es liegt an Rowan, sich um ihre kleine Schwester zu kümmern – und sie tut dies mit außergewöhnlich liebevoller Fürsorge und Achtsamkeit. Die 15jährige hat nicht nur die Verantwortung für ihr eigenes Leben, sondern für das ihrer ganzen Familie übernommen. Penibel achtet sie darauf, nach außen den Schein von Normalität zu wahren. Auf die Frage, warum sie sich das alles antut, warum sie nicht Hilfe beim Vater sucht, der keine Ahnung hat, antwortet sie: „Ich will nicht, dass Mum eines Tages aufwacht und herausfindet, dass sie all ihre Kinder verloren hat.“
Mit der Entwicklung des Fotonegativs, das ihr im Supermarkt aufgedrängt wird, kommen dann aber nach und nach Wahrheiten ans Licht, von denen Rowan bisher nichts wusste. Neue Menschen treten in ihr Leben, erweitern ihren bisherigen engen Focus auf Mutter und Schwester. Sie findet ihre „Wahlfamilie“: Nicht nur Harper, den außergewöhnlichen jungen Mann, der ihr das Bild gab, in den sie sich verliebt, der sich um sie und Stroma kümmert und ihr Halt gibt, als nichts mehr bleibt, wie es war. Nun gibt es auch die zwei Jahre ältere Bee, deren Vater Carl und den kleinen Sonny, die integrativer Bestandteil von Rowans Leben werden – und wie aus dieser „Wahlfamilie“ mehr wird, ist eines der Geheimnisse des Buches. Mit stetig steigender Spannung deckt der Roman diese Geheimnisse auf, platziert geschickt unerwartete Wendungen. Jenny Valentine hat bereits in ihrem fulminanten Debut „Wer ist Violet Park“ ihr Talent, Informationshäppchen so im Text zu verteilen, dass man unbedingt den Ausgang der Geschichte wissen will, unter Beweis gestellt.

„Kaputte Suppe“ kommt ganz ohne Gegenspieler aus – es gibt weit und breit keine negativ gezeichnete Figur. Selbst für die in ihrer Trauer erstickende Mutter bringt der Text Verständnis auf. Jenny Valentine imaginiert einzigartige, tiefgehende Beziehungen, in denen geliebt und verziehen, vorsichtig aufeinander zugegangen und respektvoll Abstand gehalten wird.
Am Ende steht, nach einem Selbstmordversuch der Mutter, duch den Rowans mühsam aufgebautes Normalitätskonstrukt zusammenbricht, die Erkenntnis, dass es zur Verantwortung gehören kann, einen Teil davon abzugeben und Hilfe anzunehmen. Stehen der Ausblick auf die Überwindung der Trauer, die Möglichkeit auf einen Neubeginn der Familie. Steht zwar der Abschied von Harper, aber auch die Freude auf eine Wiederbegegnung, irgendwann. Der letzte Satz macht es unmissverständlich: „Bisher hab ich es recht gut gemacht, der nächste Teil wird leicht.“