
Que du Luu: Im Jahr des Affen
„Nie möchten wir der Mensch sein, der wir sind.“ Dieses buddhistische Zitat stellt Que du Luu ihrem neuen Roman „Im Jahr des Affen“ programmatisch voran.
„Nie möchten wir der Mensch sein, der wir sind.“ Dieses buddhistische Zitat stellt Que du Luu ihrem neuen Roman „Im Jahr des Affen“ programmatisch voran. Wobei ihre Protagonistin Mini ja nicht einmal genau weiß, wer sie ist. „Es gab nur eins, was ich über mich wusste: Ich war der Vielen-nicht-ähnlich-Mensch.“
Eine Banane ist sie, findet ihr Onkel Wu, außen gelb, innen weiß. Eigentlich heißt sie Minh Thi, ist chinesischer Abstammung, aber am besten gefällt es ihr, wenn jemand sagt: „Du bist gar nicht so wie eine Chinesin.“ Sie spricht akzentfrei Deutsch, versteht jedoch nicht alles, was ihr Vater auf Kantonesisch sagt. Homogenität fühlt sich anders an. Seit sie denken kann, ist die westfälische Kleinstadt Herfurt ihr Zuhause, an die Flucht aus Saigon vor dreizehn Jahren kann sie sich nicht mehr erinnern.
Doch so wie sich eine Banane schälen lässt, zerfällt ihr Leben in zwei Teile. In dem einen Leben geht sie zur Schule und mit ihren Freundinnen in die Disko und im anderen führt sie, mehr schlecht als recht, den Haushalt, hilft ihrem Vater, der rund um die Uhr in seinem Restaurant arbeitet. Dabei kommen sie ganz gut miteinander aus, Vater und Tochter, wie sie so nebeneinander her leben, nur das Nötigste miteinander reden und nur wenig voneinander wissen.
Bis dieser Frühsommer 1992 zeigt, was er kann: Das Jahr des Affen, das sich im chinesischen Horoskop durch Veränderung auszeichnet, so wie ein Affe immer in Bewegung ist. Nicht nur, dass Mini Bela kennenlernt, sich in ihn verliebt, und er erwidert ihre Gefühle, das wäre ja schon aufregend genug. Doch erste Liebe und Stress mit Freundinnen sind bei weitem nicht alles, womit es die 16jährige zu tun hat. Ihr Vater erleidet einen Herzinfarkt, was ihn – den bis ins Mark Pflichtbewussten – nur kurz im Krankenhaus hält, Onkel Wu kommt aus Australien zu Besuch und mischt sich in alles ein. Und plötzlich erfährt Mini Teile aus der Geschichte ihres Vaters, Hintergründe der damaligen Flucht, die ihr völlig unbekannt waren.
Indem sie das Leben ihres Vaters besser kennen lernt, ändert sich auch der Blick auf ihr eigenes. Und wenn sie am Ende eine Postkarte von Bela bekommt, der ihren Namen – ihren wirklichen Namen – richtig geschrieben hat, dann lässt sich die berechtigte Hoffnung herauslesen, dass es für Mini wahrscheinlich doch möglich sein wird, sich so anzunehmen, wie sie ist.
Que du Luu ist eine Meisterin der Andeutungen, Anspielungen, Metaphern. „Das Restaurant sah von außen immer dunkel aus. Erst wenn man eintrat, wirkte es hier normal und die sonnige Welt vor der Scheibe schien zu hell.“ Was für ein schönes, stimmiges Bild vom Aufeinanderprallen zweier Welten.
Wenn sie, großartig, die Atmosphäre einer verrauchten Landdisco Anfang der 90er einfängt, die lyrics von damals populären Songs inklusive, „Don´t Cry“ von Guns´n Roses, „Tainted Love“, Westernhagen, das hat irgendwie Retrocharme. Und doch wird es nie peinlich, so wie auch die pubertären Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen der Ich-Erzählerin nicht, oder die Figur des tatkräftigen, Küchengötter verehrenden Onkel Wu, und schon gar nicht Minis Vater, der schon ziemlich viele chinesische Klischees abdeckt: Vom asiatischen Pflichtbewusstsein über prinzipiell freundliches Ignorieren einer Provokation bis hin zum „l“ anstatt des „r“. Leichte ironische Brechungen, kleine Schlenker sorgen dafür, dass die Charaktere niemals der Lächerlichkeit preisgegeben werden, dass man vielmehr den Eindruck hat, beinahe eine Liebeserklärung an die Figuren vor sich zu haben.

„Das Jahr des Affen“ ist eine Geschichte übers Erwachsenwerden, über Freundschaft, Liebe, über Minderheiten und Identität, über den Verlust und das Finden von Heimat. Diese Banane hat ziemlich viele Schalen.