Mikael Engström: Ihr kriegt mich nicht!

Mik kann zwar nicht schwimmen, aber er springt trotzdem ins tiefe Wasser. Alles ist besser als wie ein Feigling dazustehen, sogar das Ertrinken.

Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
München: Hanser 2009


Mik kann zwar nicht schwimmen, aber er springt trotzdem ins tiefe Wasser. Alles ist besser als wie ein Feigling dazustehen, sogar das Ertrinken. Mik ist an Kämpfe gewohnt, die er nicht gewinnen kann: Mit seinem älteren Bruder Tony boxt er, bis er grün und blau geschlagen ist. Seine Mutter ist gestorben, der Vater schwerer Alkoholiker, nur Tony sorgt für ihr Überleben. Dass er dies mithilfe von Diebstählen tut, bekommt Mik gar nicht richtig mit. Doch irgendwann lassen sich die desolaten familären Verhältnisse nicht länger verheimlichen, das Jugendamt nimmt sich des Zwölfjährigen an und schickt ihn vorübergehend zu seiner Tante Lena aufs Land.

Dort, im tiefsten Nordschweden, herrschen zwar Minusgrade, aber dafür eine zwischen-menschliche Wärme, wie Mik sie noch nicht kennen gelernt hat. Seine Mitschülerin Pi nimmt ihn unter ihre Fittiche und damit in die Gemeinschaft auf, Tante Lena entpuppt sich als unaufdringlich liebevolle Mutterfigur. Doch sture Paragraphenreiterei reißt den Jungen aus seiner neu gewonnenen Idylle – zunächst wieder zu seinem Vater, dann zu einer Pflegefamilie, wo er Repressalien und psychischen Quälereien ausgesetzt ist. Er flieht, beim zweiten Mal schafft er es bis nach Selet zu Lena. Und nun beginnt der entscheidende Kampf gegen die Sozialbehörden darum, zu Hause bleiben zu dürfen …

Engström erzählt die emotional aufgeladene Geschichte um einen Jungen aus asozialen Verhältnissen, der sich gegen die unmenschlich agierenden Behörden beharrlich zur Wehr setzt, größtenteils aus auktorialer Sicht. Bleibt beschreibend, gibt keine wertenden Kommentare ab - die ergeben sich aus dem Erzählten von selbst.

Nur in einem kurzen Mittelstück, Miks „Zombiebuch“ , wechselt der Autor in die Ich-Perspektive. Knappe, unaufgeregte Tagebucheintragungen, die viel sagen, obwohl sie vordergründig nichts erzählen. Pathos oder Rührseligkeit haben dabei - wie im ganzen Buch -nichts zu suchen. Der Titel, „Ihr kriegt mich nicht!“, trotzige Verweigerung und Kampfansage, signalisiert den vorgegebenen Erzählton.

Cover
Immer wieder glimmt an den unerwartesten Stellen auch Humor auf, fällt ein ironischer Kommentar.
In den Szenen mit den verschrobenen Originalen von Selet, die in der ländlichen Abgeschiedenheit zu unkonventioneller Authentizität gefunden haben, läuft der Text zu heiterer Höchstform auf. Wenn zwei Brüder dreißig Jahre lang zwar direkt nebeneinander wohnen, aber kein Wort miteinander reden, hält Mik das für verrückt. „Aber Bengt hatte Mik gesagt, das sei keine Verrücktheit. Das sei Ausdauer.“ (S. 128)
Die trockene Treffsicherheit des Humors, die sprachliche Exaktheit, mit der Engström Emotionen in Bilder überträgt, ist in der deutschen Übersetzung der herausragenden Arbeit von Birgitta Kicherer zu danken. Sie hat auch die beiden anderen Romane des schwedischen Autors übersetzt, 2003 „Brando“ und 2006 „Steppo“, einer besser als der andere.

Mik ist wie seine Vorgänger sensibler Kämpfer, und das ist keine Interpretation, sondern explizit im Text betontes Motiv. So ist auch Astrid Lindgrens böse Figur des Tengil, gegen den die beiden Brüder Löwenherz zu kämpfen haben, Miks Synonym für seine eigenen Plagegeister.

Im Laufe des Buches lernt Mik schwimmen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Bei Fahrten auf einem Floß über Stromschnellen und Wasserfälle, am Ende beim Showdown auf brüchigem Eis, wo Sozialamt und Dorfgemeinschaft, Beamtensturheit und Menschlichkeit noch einmal so richtig schön aufeinander prallen können.

Mik geht zwischendurch immer wieder mal unter, aber er taucht wieder auf, und irgendwie schafft er es, den Kopf über Wasser zu halten. Wofür man ihn angesichts der Verhältnisse nur bewundern kann.

Karin Haller