
Alyssa Brugman: Ich weiß alles!
„Ich bin achtzehn und weiß alles – na ja, nicht alles, aber eine ganze Menge“
München: dtv (Reihe Hanser) 2006
Wenn man jung ist, so richtig jung, hat man manchmal das Gefühl, dass einem keiner mehr etwas vormachen kann. „Ich bin achtzehn und weiß alles – na ja, nicht alles, aber eine ganze Menge“ ist das Credo der Ich – Erzählerin in Alyssa Brugmans neuem Jugendroman „Ich weiß alles!“
Zum reflektierten Erwachsenwerden gehört dann die Erfahrung, dass diese ganze Menge ziemlich wenig ist. Und genau das erlebt Rachel, als sie eine Stellung als Pflegerin von Grace annimmt, einer Frau mit einer irreparablen Gehirnverletzung. Grace spricht nicht, tut nichts, man weiß nicht, wieviel sie fühlt oder versteht, ob sie überhaupt denkt. Rachel ist von der Situation zunächst völlig überfordert, ekelt und fürchtet sich vor „der Frau“, die für sie nur langsam zu „Grace“ wird. Als das Mädchen eine Schachtel mit verschiedenen Schriftstücken findet, begibt sie sich auf die Suche nach der Antwort auf die Frage, wer Grace war. Wer sie ist. Nach und nach enthüllt sich ihr das Leben einer ganz besonderen Frau: „Finding Grace“ lautet dementsprechend der wesentlich passendere, in seiner Vieldeutigkeit aber leider unübersetzbare Originaltitel. „Grace“ ist eben mehr als nur ein Name.
Rachel kommt ihr immer näher, überwindet die Grenzen zwischen ihnen und auch ihre eigenen. Und begreift am Ende: „In Grace ist Leben. Ich bin sicher“.
Bücher erzählen Geschichten. Dieses erzählt von einer sehr jungen Frau, die in vieler Hinsicht Außenseiterin ist: durch ihre Intelligenz, ihre Zurückhaltung. „Spröde“ sei sie, wird ihr nachgesagt, „höllisch intellektuell“. Nicht der Typ, der jeden gleich umarmt. Eine Einzelgängerin. Ein Mädchen, das bei jeder Gelegenheit knallrot wird wie eine Tomate und die irrsten Strategien entwickelt hat, um diesen Umstand zu verbergen.
Und es erzählt von einer schon älteren Frau von erlesenem Geschmack und großer Gedankenschärfe, die - als sie noch gesund war - arrogant wirkte und unzugänglich. Die es hervorragend verstand, sich hinter selbstgebauten Mauern zu verstecken und die meisten ihrer Geheimnisse in die Sprachlosigkeit nach dem Unfall mitgenommen hat. Außergewöhnlich sind sie beide, ganz verschieden und doch einander sehr ähnlich.
„Ich weiß alles!“ erzählt aber auch von Menschen wie Alistair Preston, der Grace seit Jahren unerwidert liebt, woran sich nichts geändert hat. Ganz im Gegenteil: Da er sich selbst die Schuld an ihrem Unfall gibt, fühlt er sich gerade jetzt bedingungslos verantwortlich für sie.
Oder von Menschen wie Rachels Mutter, eine sehr sympathische und kluge Alleinerzieherin, die mit Instinktsicherheit in jeder Situation das Richtige tut und sagt. Im Jugendbuch sind dermaßen positiv gezeichnete Mütter eine Ausnahme.

Es gibt schon mehrere Titel der australischen Autorin auf dem deutschsprachigen Markt, „Finding Grace“ – jetzt verspätet in der Übersetzung erschienen – war ihr beeindruckender Erstling. Beeindruckend durch die Bruchlosigkeit, mit der Brugman komische und ernste Passagen verbindet, durch den unsentimentalen Witz, mit der sie sich dem Motiv einer Schwerstbehinderten und ihrer Pflege nähert. Durch die formale Virtuosität der Situationsbeschreibungen, die durch den ständigen Wechsel der Erzählzeit unterstrichen wird.
Durch die Intensität der Charaktere, die so lebendig werden, dass man sie auf der letzten Seite nur ungern wieder aus der eigenen Imagination entlässt. Auf dieser letzten Seite hat man das Gefühl: Wenn man jung ist, so richtig jung, dann fangen viele Dinge erst an. Das Schöne daran ist nur: das hört nie auf.