Sofia Laguna: Ich bin Bird

Verlassen zu werden zählt zu den möglicherweise schmerzhaftesten Erfahrungen, die man als Mensch machen kann. Erst recht, wenn es ein Elternteil ist, der geht, und man selbst noch ein kleines Kind.

Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Hamburg: Carlsen 2010


Verlassen zu werden zählt zu den möglicherweise schmerzhaftesten Erfahrungen, die man als Mensch machen kann. Erst recht, wenn es ein Elternteil ist, der geht, und man selbst noch ein kleines Kind. In Sofie Lagunas neuem Jugendroman „Ich bin Bird“ ist der zwölfjährige James ohne jede Erinnerung an seine Mutter. Sie ist vor langer Zeit durchgebrannt: „Durchbrennen… das hört sich an, als ob man ein Loch irgendwo reinbrennt, ganz durch bis auf die andere Seite.“

Um dieses Loch herum hat der Junge eine Mauer aufgezogen, an der alle abprallen, verständnisvolle Lehrer ebenso wie sein Vater: Der ist zwar groß und stark und kann alles reparieren, egal wie kaputt es ist − die Bruchstücke, in die sein Sohn zerfallen ist, kann er nicht zusammen fügen. James schützt sich, indem er sich verweigert. Er stört im Unterricht, klaut, ist frech und destruktiv. Verhaltensauffällig, wie er selbst weiß: „Anscheinend hatte ich die magische Fähigkeit, andere wütend auf mich zu machen.“ Nur zwei Menschen lässt er wirklich an sich heran: Seinen besten und einzigen Freund Sugar Boy, mit dem er die westaustralische Kleinstadt mit ihren Flüssen, Bahngleisen und Tunneln zum Abenteuerspielplatz macht, und A.P. Davies, den Autor des Buches „Vögel: Ein Naturführer“. Den kennt er zwar nicht persönlich, mit seinen ornithologischen bildhaften Ausführungen kommt ihm der Wissenschaftler aber näher ist als alle anderen.

Denn seit James beobachtet hat, wie eine Elster ihre Jungen beschützt, interessiert er sich auf geradezu manische Art für Vögel, zeichnet sie, versetzt sich in sie hinein, wird zu einem von ihnen: zum Fächerschwanz und Feenhonigfresser, zum Flammenbrustschnäpper und unbesiegbaren Adler. Diese Welt ist sein Geheimnis, das er mit niemandem teilt, nicht einmal mit Sugar Boy. Dass der seinen Freund in Anlehnung an seinen Nachnamen Burdell „Birdie“ ruft, passt jedoch perfekt.

Als Sugar Boy mit seinen Eltern ans andere Ende von Australien ziehen muss, bricht Birds fragile Überlebensstrategie zusammen. Zuerst die Mutter, dann der Freund – wieder einer, der ihm wichtig ist und der geht. Nun gibt es nichts mehr, was ihn im vertrauten Denham hält, nun ist er es, der durchbrennt. Zu den Blauen Bergen, wo laut Klappentext der Autor des Naturführers lebt − mit A.P. Davies will er einen Vogelpark gründen …

Cover
Mit einer Intensität, der man sich kaum entziehen kann, zeichnet die australische Autorin das differenzierte Psychogramm eines Jungen, der sich in seiner eigenen Welt eingebunkert hat. Gegen die Realität, wie er sie vorfindet, lehnt er sich auf, vor den Fragen, die ihn quälen – „bin ich schuld, dass meine Mutter weg ist?“ − flüchtet er in einen Parallelkosmos: „Große Träume sind so, wie ich die Welt gerne haben möchte – die Wirklichkeit ist, wie die Dinge wirklich sind.“

Mit Sugar Boys Umzug verliert Bird den Boden unter den Füßen und sich selbst in seinen Träumen. Auf seiner Odyssee durch die Großstadt, die in ihrer Dokumentation verzweifelten Verlorengehens zu einer der stärksten Passagen des Buches zählt, kommt ihm nicht nur die Orientierung, sondern auch jeder Realitätsbezug abhanden. Dass dann alles doch noch gut ausgeht, die Irrfahrt zum kathartischen Erlebnis wird und das Ende des Buches Hoffnung und Zuversicht ausstrahlt, ist nach so vielen Seiten der Verzweiflung, Trauer und Wut nur gut. Und glücklicherweise nicht aufgesetzt, denn Sofie Laguna hat die Spuren der Zuwendung und Liebe, mit denen sein Vater und dessen Freunde sich dem Jungen immer schon zu nähern versuchten, durch das ganze Buch gelegt. Jetzt kann er sie annehmen, jetzt finden sie Worte und einen Zugang zueinander und er sogar zu seiner Freundschaft zu Sugar Boy zurück. Jetzt ist er in der Wirklichkeit angekommen, wie sie ist.

„Ich bin Bird“ erzählt extrem emotionalisiert von Freundschaft, von der Liebe zwischen Vater und Sohn unter schwierigen Bedingungen, von Träumen und dem Ankommen in einer Welt, in der zwar nichts perfekt, aber Nähe und damit die Überwindung der Einsamkeit möglich ist. Ein schönes, trauriges, tröstliches Buch, das noch in einem nachschwingt, wenn man den letzten Satz schon lange gelesen hat: „Diesmal fliege ich wirklich“.

Karin Haller