
Alois Prinz: I have a dream
Das Leben des Martin Luther King
Stuttgart: Gabriel Verlag 2019
272 S. | € 17,50
„I have a dream“ – nur selten gehen Worte aus einer öffentlich gehaltenen Rede so stark ins kollektive Gedächtnis über wie diese, die Martin Luther King am 28. August 1963 vor dem Lincoln Memorial in Washington D.C. vor mehr als 250 000 Menschen mantraartig wiederholte. Viele von uns haben die sonore, wohlklingende Stimme des Redners im Ohr. Es liegt nahe, dass Alois Prinz diesen berühmten Satz auch zum Titel seiner neuesten Biografie “Das Leben des Martin Luther King“ wählte.
Nun ist Alois Prinz kein Unbekannter, seine biografischen Arbeiten über Hannah Arendt, Hermann Hesse, Ulrike Meinhof oder Franz Kafka fanden vielfach Beachtung und Auszeichnungen, sogar an den Apostel Paulus und an Jesus selbst hat er sich herangewagt. Jetzt also, anlässlich seines 90. Geburtstags, Martin Luther King, die Ikone der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Wie immer hat der Autor sorgfältig recherchiert, viele Quellen studiert – und will auf dieser Basis mehr bieten als nur eine Darstellung von Fakten. Prinz erzählt eine Geschichte, vermittelt Emotionen. „I have a dream“ tut das auf besonders lesenswerte Art und Weise.
Nach einem einleitenden Prolog geht die Biografie streng chronologisch vor. Mit der Erzählung von Kings Lebensweg und den Stationen seines politischen Engagements werden vor allem die gesellschaftspolitischen Umstände in den USA der 1950er und -60er Jahre deutlich, in denen ein denkbar großer Unterschied zwischen der Verfassung mit ihrem Gleichheitsgrundsatz und der gesellschaftlichen Realität herrschte. Der Biograf bemüht sich, diese Zusammenhänge nie aus dem Blick zu verlieren, nicht nur die Persönlichkeit Martin Luther Kings in ihren unterschiedlichen Facetten zu zeichnen, sondern sein Leben und Werk nachvollziehbar in den Kontext des zeitgeschichtlichen Panoramas zu stellen.
Dabei bedient sich Alois Prinz unterschiedlicher Vermittlungsformen. Einerseits zitiert er wörtlich aus Veröffentlichungen Martin Luther Kings und anderen Quellen, andererseits fasst er in eigenen Worten wesentliche Aspekte aus dessen Arbeiten und Reden interpretierend zusammen. Das klingt dann beispielsweise so:
„Für Martin Luther King ist es eine Form von „Denkfaulheit“, wenn Menschen Verhältnisse einfach hinnehmen oder nicht mehr fragen, ob sie gerecht oder ungerecht, falsch oder richtig sind.
Die Folge ist eine moralische Verwirrung, eine Orientierungslosigkeit, die sich dann selbst ernannte Führer zunutze machen, um ihre Interessen durchzusetzen. Möglich ist das, wenn in einer Gesellschaft „geistige Stumpfheit“ herrscht. Durch sie werden Menschen manipulierbar. Sie fallen auf Lügen herein und halten Vorurteile für unverrückbare Tatsachen.“

In diesem Buch bringt sich der Biograf mit ein, man spürt beim Lesen, dass es ihm wichtig war, was und worüber er erzählt. Seine Anteilnahme macht die Geschichte und die dargestellte Person lebendig, die Ereignisse begreifbar – und sie bewirkt ein emotionales Lesen. Ohne Jugendliteratur als pädagogisches Erziehungsmittel instrumentalisieren zu wollen: „I have a dream“ sollte zum Kanon der politischen Bildung Jugendlicher gehören. Und von möglichst vielen Menschen jeden Alters gelesen werden. Wie heißt es doch in einer Rede von Martin Luther Kings Enkelin im März 2018: „Spread the word!“