
David Arnold: Herzdenker
Bis zu 80 Prozent der zwischenmenschlichen Kommunikation sind nonverbal, Mimik spielt eine entscheidende Rolle dabei. Was aber, wenn man dazu nicht fähig ist?
Würzburg: Arena 2018
Bis zu 80 Prozent der zwischenmenschlichen Kommunikation sind nonverbal, Mimik spielt eine entscheidende Rolle dabei. Was aber, wenn man dazu nicht fähig ist? Der sechzehnjährige Vic leidet am Möbius Syndrom, seine Gesichtsmuskeln sind gelähmt, er kann nicht lächeln, die Stirn runzeln, blinzeln, die Augen schließen. Weshalb er, der komplexe Analysen, Opern, Matisse und ausufernde Epik liebt, von anderen als dumm eingestuft, angestarrt, gemobbt wird. Doch Vic hat Strategien entwickelt, mit seiner exponierten Außenseiterposition fertig zu werden, so, wie es ihm sein lebensfroher Dad beigebracht hat. Sein Vater, der vor zwei Jahren an Krebs gestorben ist und eine unfassbar große Lücke hinterlassen hat.
Als seine Mutter einen Heiratsantrag bekommt, reißt Vic aus, die Urne des Vaters im Rucksack. Eigentlich will er die Asche im Fluss verstreuen, doch dann findet er einen Abschiedsbrief darin, in dem sein Dad offensichtlich an Vic´s Mom gerichtete kryptische Aufträge auflistet, „Häng mich in die Gute Stube“, “Ertränk mich in unserem Wunschbrunnen“, „Wirf mich von unserem Fels in der Häuserbrandung.“ Also macht Vic sich auf die Mission, die fünf Orte der Liste zu entschlüsseln und zu finden. Doch er ist nicht allein auf dieser Suche.
Denn er wird von einer ganz bemerkenswerten Gang aufgenommen: Die „Helden des Hungers“, im englischen Original „Kids of Appetite“, das sind Baz Kabongo und sein jüngerer Bruder Zuz, das sind Mad, die bald ihren 18. Geburtstag feiern wird, und die elfjährige Coco, die jüngste und ungezähmteste von allen. Zusammen leben sie in einem Gewächshaus in einer aufgelassenen Gärtnerei, vier Menschen, deren Kindheit kein Schonraum, sondern ein von Verlust und Gewalt geprägter Alptraum war bzw. ist, Waisen, die sich zu einer Wahlfamilie zusammengeschlossen haben. In bedingungsloser Loyalität stehen sie zueinander, „ein Gänseschwarm, der in blindem Einverständnis seine Kurven flog.“ Bei ihnen ist Vic zu Hause, und das nicht nur, weil er hoffnungslos in Mad verliebt ist. Sie „denken mit dem Herzen“, sie sind fähig, in Vics Augen zu erkennen, wenn er lächelt. So wie sie Zuz verstehen, der nicht spricht, sondern nur mit den Fingern schnippt.
Baz mit seinen 25 Jahren, durchtrainiert, tätowiert, hat die Vaterrolle übernommen, er ist fürsorglicher Beschützer, er bestimmt die Regeln. Zu denen gehört, dass nicht gestohlen und nicht gelogen wird. Undenkbar für Vic, dass er einen Mord begangen haben soll.
Und doch befindet sich Baz´ DNA auf einer Mordwaffe, weshalb er sich – in Begleitung von Vic und Mad – selbst gestellt hat.

Um all diese Rätsel möglichst lange ungelöst und damit die Spannung aufrecht zu halten, verschränkt der Autor die erzählte Gegenwart der vierstündigen Vernehmungen mit der Rückblende auf die vergangenen acht Tage und wechselt dabei laufend die Perspektiven von Mad und Vic. Daraus entsteht eine Fülle von Handlungselementen und Erzählbausteinen. Jede einzelne Figur der „Helden des Hungers“ bekommt ihren Raum und ihre Geschichte, es sind Geschichten von Kindern, die ihre Heimat verlassen müssen und auf der Flucht ihre Eltern und Schwester verlieren, von Mädchen, die vernachlässigt und misshandelt werden, von Kindern, die trotz alledem nicht aufgeben, Träume und große Zukunftspläne haben, die kämpfen, bei denen man „hinter jedem Wort das Brüllen eines Raubtiers hört“, selbst wenn sie leise sprechen. Erzählt wird von der Bedeutung des Loslassens, so wie Vic am Ende seiner Wallfahrt – mit seiner Mutter am Dach des Rockefeller Centers stehend - seinen Vater loslassen und damit mit der Vergangenheit abschließen, Unbeeinflussbarkeiten akzeptieren kann. „Wir gehören alle zur gleichen Geschichte, jeder von uns ist ein Kapitel davon. Es steht nicht in unserer Macht, den Schauplatz oder die Handlung festzulegen, aber wir können selbst entscheiden, was wir aus unserer Figur machen.“ sagt Baz. Vics Krankheit, der Tod seines Vaters sind unveränderlich. Wie er damit umgeht, nicht.
Erzählt wird von Liebe und Freundschaft, und nicht zuletzt davon, was Kommunikation ausmacht. Die Bereitschaft, den anderen so wahrzunehmen, wie er ist. Zuz spricht zwar nicht, „aber wenn man richtig hinhört, hat er eine Menge zu sagen.“ Das hat auch David Arnold.