Preben Kaas: Herr Ostertag macht Geräusche

Neuneinhalb Sekunden klingt nach nicht viel, und doch lässt sich allerlei in dieser Zeit anfangen. Sie können mehrere Sätze sprechen, eine Seite querlesen, ein paar Schritte gehen oder, wenn Sie Usain Bolt heißen, 100 Meter laufen. Aber eines können Sie nicht – die Handlung ungeschehen machen.

Hamburg: Chicken House 2013


Neuneinhalb Sekunden klingt nach nicht viel, und doch lässt sich allerlei in dieser Zeit anfangen. Sie können mehrere Sätze sprechen, eine Seite querlesen, ein paar Schritte gehen oder, wenn Sie Usain Bolt heißen, 100 Meter laufen. Aber eines können Sie nicht – die Handlung ungeschehen machen.

Darin unterscheiden wir gewöhnlichen Menschen uns von Julian, dem fünfzehnjährigen Protagonisten aus „Herr Ostertag macht Geräusche“. Der kann nämlich in der Zeit zurück springen, exakt 9,54 Sekunden, nicht mehr und nicht weniger. Das enthüllt der Ich-Erzähler Preben Kaas, der auch als Autor am Cover firmiert, dem Lesenden aber erst nach dem ersten Textdrittel, als Prebens Schwester Emily Julians Geheimnis lüftet. Nicht zufällig – sie haben den Jungen gesucht, so wie sie seit Jahrzehnten „Zeitspieler“ suchen und finden. Auch die kleine Paulina, die bei ihnen lebt, besitzt diese Gabe. Emilys Interesse gilt der Frage: Welche Auswirkungen hat es auf einen Menschen, wenn er in der Zeit zurückspringen - und damit jeden Fehler fast umgehend ungeschehen machen kann? Trial and error – Fehler machen und sofort daraus lernen, klasse Sache, möchte man meinen. Julian ist denn auch den anderen in seinem Alter merklich überlegen, augenscheinlich reifer als seine Mitschüler, die ihn „Lonesome“ nennen – und er scheint seine Außenseiterstellung zu genießen. Gut nachvollziehbar, es kann schon zur Arroganz führen, wenn man in den Augen der anderen keine Fehler macht. Doch das Leben ohne Konsequenzen, ohne Angst und ohne Schmerz - man zuckt ja reflexartig in der Zeit zurück, sobald es wehtut – hat auch seinen Preis. Die Gabe schränkt Julian massiv in seinem Empfinden ein. Was er am eigenen Leib erlebt, als Emily ihm einen blauschimmernden silbernen Armreifen gibt, ein chronometrisches Band, das ihn an die Zeit bindet. Und zum ersten Mal spürt er, wie es sich anfühlt, wenn einem das Herz vor Aufregung rast. „Er hatte Angst. Das war neu, irritierend, berauschend.“

Doch Preben und seine Schwester sind nicht die einzigen, die um Julians und Paulinas Geheimnis wissen. Der brillante Mediziner Satoru Koe kennt nur ein Ziel – Daten der Zeitspieler zu sammeln, um seine Untersuchungen zu „Deja-vu´s“ zu belegen. Dabei schreckt er auch vor einer Entführung nicht zurück.

Cover
Auf schmalen 140 Seiten passiert eine ganze Menge, und was passiert, wird nicht linear erzählt. Der Text springt, analog zum Thema, immer wieder in verschiedene Zeiten zurück:

Zu Begegnungen mit anderen Zeitspielern, zu einer Nacht des Jahres 1945, in der die jugendliche Emily beim Bombenangriff auf Dresden eine unglaublich realistische Vorahnung hat und damit ihrem kleinen Bruder das Leben rettet. Zu dem Tag, an dem Julians Eltern einander kennenlernten. Spätestens hier muss endlich auch von Herrn Ostertag die Rede sein, Julians Vater, der ja schließlich dem Buch seinen Titel gibt. Er bleibt schweigsam, undurchschaubar, ein stoisch ruhiger und geduldiger Mann. Sein Geheimnis löst sich erst ganz am Ende, und das wird jetzt natürlich nicht verraten.

Das Buch ist in formaler Hinsicht eine Herausforderung: Springt es doch nicht nur in der Zeit hin und her, es wechselt auch ständig die Perspektive – mal ist es die von Julian, mal die seiner Eltern, dann die von Koe Satoru oder seines Adjudanten Serge. Prägend bleibt die des Ich-Erzählers Preben, der – ohne ihn zu erklären – durch den Text führt. Als Narkoleptiker übrigens auch kein unspannender Charakter.

Die Wechsel zwischen Zeiten und Perspektiven erfolgen auf den ersten Blick unrhythmisch, manche Kapitel sind sechs, sieben Seiten lang, andere dauern nur eine Seite. Es ist, neben der Ausgangsidee, vor allem der raffinierte Aufbau, der die Jury des Golden Pick-Schreibwettbewerbs überzeugte. Und Andreas Schulze – denn der verbirgt sich erklärtermaßen hinter seinem „Frontmann“ Preben Kaas – den Preis zuerkannte. Schulze selbst betont, wie wichtig Rhythmusgefühl für seine Arbeit als Autor wie als Musiker ist: „Es dreht sich dabei alles um Stimmung, interessante Strukturen und einen Spannungsbogen. Sechzehn Takte Strophe, zwölf Takte Zwischenteil und acht Takte Refrain reichen da nicht aus. Meine Geschichten wollen ebenso wie die Musik unberechenbar sein.“

Mit „Herr Ostertag macht Geräusche“ ist ihm das definitiv gelungen. Also, wenn Sie rund tausend mal 9,54 Sekunden übrig haben – lesen Sie dieses Buch. Sie werden die Zeit nicht zurück drehen wollen, um es ungeschehen zu machen.

Karin Haller