
Erin Jade Lange: Halbe Helden
Wenn es den sechzehnjährigen Dane in den Handflächen juckt, gibt es nur einen Weg, dieses Kribbeln loszuwerden: zuschlagen. Und es juckt oft, manchmal sind nur Kleinigkeiten der Auslöser, manchmal bewusste Provokationen.
Bamberg: Magellan 2015
Wenn es den sechzehnjährigen Dane in den Handflächen juckt, gibt es nur einen Weg, dieses Kribbeln loszuwerden: zuschlagen. Und es juckt oft, manchmal sind nur Kleinigkeiten der Auslöser, manchmal bewusste Provokationen. Wobei – viele gibt es ja nicht mehr, die sich mit Dane anlegen. Die meisten machen einen großen Bogen um ihn, Freunde hat er ohnehin keine. Und dann ist da plötzlich Billy D. Dieser Junge ist anders als die anderen, und das nicht nur, weil er offensichtlich überhaupt keine Angst vor Dane hat.
„Gehst du auf die Twain?“ „Ja“. In die Neunte?“ „Ja“. „Downsyndrom?“ „Was denn sonst?“, erwiderte er, als redete er mit dem zurückgebliebensten Menschen der Welt.“
Ja, Billy D. hat das Downsyndrom und diese Genmutation hat Auswirkungen auf sein Aussehen und seine kognitiven Fähigkeiten, doch mit Sicherheit nicht auf seine Willenskraft und sein Selbstbewusstsein. Im Gegenteil. Dane hat praktisch keine Chance, dieser Freundschaft zu entkommen. Zunächst ist es ja eher eine Zweckgemeinschaft. Wenn Dane sich um Billy D. kümmert, sammelt der ständig vom Schulverweis bedrohte Schläger Pluspunkte ; Billy D. wiederum braucht Dane, um sich gegen andere Jungs zur Wehr setzen zu können – er will lernen, wie man zuschlägt. Vor allem braucht er jedoch Hilfe dabei, seinen Vater zu finden. Denn seine Mutter, so erzählt Billy D., hätte ihren Mann von einem Tag auf den anderen verlassen. Und jetzt gibt es nur einen Atlas mit verrätselten Hinweisen des Vaters, die dem Sohn verraten sollen, wo er sich aufhält. Unterstützt werden die beiden Jungs bei ihrer Schnitzeljagd von Seely, einem Mädchen, das sich nicht von Danes Ruppigkeit abschrecken lässt. Zu dritt schaffen sie es tatsächlich, eine ganze Menge Rätsel zu lösen - denn nicht nur Billy D. weiß nicht, wo sein Vater ist. Dane weiß erst gar nicht, wer sein Vater ist.
„Dead ends“, Sackgassen, hat Erin Jade Lange ihren zweiten Jugendroman im Original genannt, der Magellan Verlag hat sich für den deutschen Titel „Halbe Helden“ entschieden. Die junge amerikanische Journalistin weiß, wie man eine spannende Handlung baut. Sie bringt Andeutungen immer an der richtigen Stelle, verrät nie zu viel, lässt den Lesenden mit den Hauptfiguren rätseln und auch schon mal in die Irre laufen, bis am Ende die Wahrheit ans Licht kommt.
Und die Autorin weiß auch, wie man Figuren interessant gestaltet. Nun ist es ja nicht so, dass der literarische Typus „harte Schale – weicher Kern“ noch nie dagewesen wäre.
Der Ich-Erzähler, der, obwohl er zuschlägt, nicht als Schläger herüber kommt, sondern als liebenswerter, intelligenter Sympathieträger, das ist nicht ganz neu. Aber dann kombiniert die Autorin diesen Typ mit einem Jungen mit Downsyndrom, und das ist schon origineller. Dabei handelt es sich keinesfalls um Literatur „zum Thema Behinderung“. So wie Dane Billy D. in dessen Besonderheit akzeptiert, ohne die Beeinträchtigungen zu verneinen, so geht auch der Text mit der Figur um. Sehr respektvoll, sehr natürlich. Ohne zu beschönigen, aber auch die Behinderung nicht in den Mittelpunkt rückend. Billy D´s Defizite können mitunter auch zum Ausgangspunkt für witzige Einsprengsel werden, ohne dass es lächerlich wirkt.

Je nachdem, auf welcher Seite man das facettenreiche Buch aufschlägt, erwischt man einen witzigen Dialog oder einen temporeichen Handlungsteil, eine emotional berührende Szene oder ein Bild, das Spannung und Neugierde erzeugt. So wie schon der Einstieg in das Buch: „Als ich Billy D. zum ersten Mal sah, hatte ich gerade den Fuß auf dem Hals von irgend so einem Typen und eine Hand in der Hosentasche.“ Kuscheltyp ist Dane offensichtlich keiner. Auch kein Loser. Sondern eben ein halber Held.