
Kate Hattemer: Für Freiheit, Kunst und Mayonnaise
Ein Jugendroman als Textfläche für die Auseinandersetzung mit der literarischen Moderne, als lustvolles, heiteres Spiel mit Erzählformen, Literaturwissenschaft und Kunsttheorie.
Hamburg: Carlsen 2015
Fast alles ist schon einmal erzählt worden, irgendwie, erst recht die Geschichte einer Freundschaft zwischen Jugendlichen an einer amerikanischen Highschool. Aber nicht so wie in Kate Hattemers Debut „Für Freiheit, Kunst und Mayonnaise“: Ein Jugendroman als Textfläche für die Auseinandersetzung mit der literarischen Moderne, als lustvolles, heiteres Spiel mit Erzählformen, Literaturwissenschaft und Kunsttheorie.
Schon der erste Satz verweist auf einen literarischen Meilenstein, „Nennt mich einfach Ethan“, und viele weitere Anspielungen werden Moby Dick folgen, etwa wenn ironischerweise ein Türschloss mit „Alohomora“, einem Zauberspruch aus Harry Potter, geöffnet werden soll. Nichts davon wird erklärt, auch eine Fülle von Fremdwörtern bleibt ohne Übersetzung. Man kann Hattemer nicht vorwerfen, sich beim Zielpublikum anzubiedern.
Auch Ethan, ihr siebzehnjähriger Ich-Erzähler, tut das nicht. Fröhlich stellt sich der große Bruder von Drillingsschwestern (übrigens ganz hinreißenden kleinen Monstern) seinem Publikum als besessen von der rhetorischen Figur des Trikolons vor. Und präsentiert denn auch drei verschiedene Anfänge, je nachdem, zu welchem Zeitpunkt der Ereignisse die Erzählung einsteigt. Eine Erzählung, die er uns mit Augenzwinkern nicht als Fiktion, sondern als Realität verkauft: „Denkt dran: Das hier ist kein Roman, keine Autobiografie, kein künstlerisch wertvoller Text. Es geht bloß darum, was im letzten Jahr passiert ist. Es geht um Reality-Shows, das verzweifelte Schwärmen für eine Ballerina und um eine heldenhafte Wüstenrennmaus namens Mayonnaise. Aber vor allem geht es um meine Freunde. Also bitte nicht vergessen: keine Kunst, bloß Leben.“
„Keine Kunst, bloß Leben“. Diese Finte macht Sinn. Schließlich geht es darum, dass an Ethans Schule eine Reality-Show gedreht wird, „For Arts Sake“, dem Sieger winkt ein Stipendium. Ethan und seine Freunde Luke, Jackson und Elizabeth wollen das Spiel als das entlarven, was es ist – nur die Fiktion von Realität, bei der sich die Darsteller als Marionetten der TV-Macher an ein vorgegebenes Skript zu halten haben und auch der Gewinner schon lange vor der finalen Live-Show feststeht. „Alles ist Reality, nichts ist real.“
Das Quartett beschließt, sich mit den Mitteln der Kunst zur Wehr zu setzen. Luke verfasst – in Anlehnung an Ezra Pounds Hauptwerk – ebenfalls ein Versepos, die „Contracantos“.
Sie drucken es heimlich im Keller und bringen das Protestgedicht in drei Teilen unter das Schülervolk.
Die Contacantos haben großen Erfolg – und Luke als ihr Mastermind wird für „For Arts Sake“ rekrutiert. Ein für Ethan, Jackson und Elizabeth unbegreiflicher Verrat. Wieso macht er da mit? Und welche Rolle spielt ihr vergötterter Englisch-Lehrer bei der ganzen Sache? Ist er etwa mit dem Feind im Bunde?
Wie die Geschichte ausgeht, soll nicht verraten werden, mal davon abgesehen, dass es keinen eindeutigen Schluss gibt. So wie drei mögliche Anfänge bringt Ethan auch das Ende in drei Varianten. Unglücklicherweise muss in jeder davon Mayonnaise, Jacksons tapfere Wüstenrennmaus und Ethans Seelenfreund, ihr Leben für die gute Sache opfern.

BradLee, der Englisch-Lehrer, erklärt: „Was sind die Charakteristika der Moderne? Fragmentierung. Collage. Ein unzuverlässiger Erzähler“. Worauf es Ethan wie Schuppen von den Augen fällt. „Ein unzuverlässiger Erzähler. Das war ja ich!“ (…) „Mein Filter war falsch.“
Hier bezieht er sich auf seine idealisierte Sicht von Luke, doch welche Filter gibt es noch in seiner Erzählung? Ist an der Selwyn Acedemy wirklich alles so idyllisch? Gut, wir befinden uns in Minneapolis, Minnesota, dem nördlichsten US-Bundesstaat, an einer Kunstschule. Drogen, Alkohol oder Waffen sind weit, weit weg. Aber wenn die Freunde in der Pause auf dem Fußboden Karten spielen, eine Mitschülerin ihre Geige auspackt und Klezmer spielt, während andere ein paar Tänze dazu improvisieren –sitzt der Autorin da nicht massiv der Schalk im Nacken? Immer wieder wird deutlich: Es ist nur eine Geschichte, nehmt sie nicht so ernst. Es ist Kunst, nicht Leben.