
Eva Kranenburg: Freunde
Eine namenlose Stadt kurz vor der Eroberung, Kinder mit Spaten als Waffen, ein Friedhof als Fluchtpunkt: In „Freunde“ verdichtet Eva Kranenburg die große Katastrophe Krieg zu einem überschaubaren, bisweilen fast märchenhaft wirkenden Schauplatz – und erzählt dennoch schmerzhaft realistisch. In einer Trümmerlandschaft beinahe ohne Erwachsene, bleibt die erzählte Welt den Jugendlichen und Kindern überlassen, die um Essen, Sicherheit und ein Minimum an Würde kämpfen.
Im Zentrum steht eine Viererbande, die so divers zusammengesetzt ist, wie es in literarischen Kinder- und Jugendbanden seit etwa 100 Jahren – von Kästner über Held bis Funke – üblich ist: das Kollektiv ist der Ort, an dem unterschiedliche Charaktere, Milieus und Lebensgeschichten aufeinandertreffen, Hierarchien ausgehandelt, Loyalitäten getestet werden. Die Autorin verschiebt es allerdings vom Abenteuer hin zum Kampf ums Überleben.
Der vom Krieg gezeichnete und entstellte Tarek ist der kluge, fürsorgliche Kommandant.
Der zarte Ren mit dem schönen Gesicht kommt aus einer Künstlerfamilie, ist Ich-Erzähler und wie die anderen drei tief traumatisiert: Etwas Ungeheures, an das der Text sich tastend heranarbeitet, ist ihm von den Anderen angetan worden. Sein Körper erinnert sich in Panikattacken und nächtlichem Zittern, während er alles daran setzt, Verletzbarkeit zu verbergen. Wer so zittert, das hat er gelernt, ist [Zitat] „einer, mit dem man es machen kann“. Geheimnisse sichern das Überleben, produzieren aber Missverständnisse und eine permanente Schieflage der Beziehungen. Und sie machen angreifbar, wenn sie entdeckt werden.
Nata mit den Granatsplittern in der Hüfte, das coole Kapuzenmädchen, in das Ren sofort verliebt ist, verteidigt wie aus Prinzip die Anderen – lange bevor klar wird, dass sie mit ihnen auch biografisch verbunden ist.
Und der kleine sommersprossige Tuk ist ein willkürliches Bündel aus Wut und Hunger – nach Brot wie nach Zärtlichkeit. Er hat keine Scheu vor Leichen, würde bedenkenlos alle Anderen töten – und bleibt doch ein Kind, das sich an Ren hängt wie eine zweite Haut.

Der Krieg selbst erscheint radikal reduziert: Es gibt die Unsrigen und die Anderen, mehr braucht die Propaganda hier wie dort nicht. In der Schule wurden Phrasen gelernt wie „Who do we hate?“. Im Krieg war jeder Andere ein Feind. Jetzt ist alles komplizierter: die Anderen verteilen als Besatzungsmacht Brot statt zu erschießen. Und auch die Unsrigen haben offensichtlich Gräueltaten begangen. Für Ren ist das schwer auszuhalten: Auf allen Seiten gibt es Tote und Mörder, die Grenzen zwischen Tätern, Opfern, Überlebenden und Mitläufern sind nicht klar.
Gleichzeitig bleibt Kranenburg eng am konkreten Erleben.
Der Alltag der Vier – die Suche nach Nahrung, Rivalitäten mit anderen Banden, derbe Späße und überraschend viel Zärtlichkeit – ist mit handfestem Realismus geschildert. Immer wieder bricht Humor in die düstere Szenerie ein: etwa wenn Abführmittel gestohlen und zweckentfremdet werden, wenn freche Sprüche und pubertäre Fantasien sich gegen die Übermacht der Verhältnisse stemmen.
„Die Wahrheit ist aber eine ganz schön aufregende Kunst“, lässt Kranenburg ihren Erzähler sagen – ein Satz, der poetologisch für das gesamte Buch stehen könnte.
Sprachlich bewegt sich der 450 Seiten starke Roman zwischen derb und zart:
Flüche und Straßensprache auf der einen Seite, auf der anderen Bilder von großer, fast märchenhafter Intensität. Pfauen, die zwischen den Ruinen auftauchen, ein Mausoleum als Bandenhauptquartier, Hilfslieder gegen die bösen Geister der Nacht – all das hebt die Geschichte weit aus dem bloß Dokumentarischen heraus.
„Freunde“ ist ein Antikriegsroman, eine Trümmerfantasie, manchmal fast „war punk“, vor allem dort, wo die Protagonist:innen tanzen, feiern, sich ihren Körper ausgelassen zurückerobern. Nicht alles an diesem Debüt ist subtil, manches Motiv wird sehr deutlich ausgestellt. Insgesamt aber gelingt Eva Kranenburg ein überzeugendes Buch, in dem sie zeigt, wie brutal Krieg Kinder formt – und dass Freundschaft, Liebe, Solidarität nicht trotz, sondern gerade in dieser Brutalität eine Form von Widerstand sein können.

