
Geoff Rodkey: Dreckswetter und Morgenröte
Dreckswetter ist jetzt nicht gerade die Insel, auf der man Urlaub machen möchte. Nicht nur wegen des Klimas – die Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Piraten. Die ja von Natur aus eher unberechenbar sind.
Aus dem Englischen von Claudia Max
Hamburg: Carlsen 2013
Dreckswetter ist jetzt nicht gerade die Insel, auf der man Urlaub machen möchte. Nicht nur wegen des Klimas – die Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Piraten. Die ja von Natur aus eher unberechenbar sind. Genau dort wächst Egbert auf, mutterloser Sohn des Stinkfrucht-Farmers Hoke Masterson, und versucht dabei so gut wie möglich den Schikanen seiner Familie auszuweichen. Bis eines Tages sein Vater, ein mysteriöses Pergament im Gepäck, mit ihnen nach Morgenröte übersetzt, der reichen, schönen, wohltemperierten Nachbarinsel. Und damit eine abenteuerliche Kette von Ereignissen auslöst …
„The Chronicles of Egg. Deadweather and Sunrise“, in der deutschen Übersetzung von Claudia Max „Die Legenden der Blauen Meere“ bietet mit Band 1 „Dreckswetter und Morgenröte“ Unterhaltung auf höchstem Niveau. Der Autor Geoff Rodkey selbst bezeichnet seine als Trilogie angelegte Serie als „adventure-comedy-mystery-coming of age“ story. Und genau das ist es.
In der fiktiven, an die Karibik des 17. Jahrhunderts angelehnten Welt der Blauen Meere, in der die Schauplätze so wunderschön sprechende Namen wie „Felsen des Verderbens“ oder „Selighafen“ tragen, gerät der dreizehnjährige Egg von einer misslichen Lage in die andere. Zunächst lässt der skrupellose Geschäftsmann Roger Pembroke Eggs Familie in einem Heißluftballon verschwinden, und er will auch Egg nichts Gutes: Denn schließlich scheint sich hinter dem Pergament des Vaters das Geheimnis eines sagenumwobenen Eingeborenen –Schatzes zu verbergen. Doch Egg ist durch die Jahre unfairer Kämpfe gegen seinen älteren Bruder darin geschult, sich aus aussichtslosen Situationen zu befreien. Um dann in die nächste, noch schlimmere zu geraten. Wenn Egg auf einer frühen Form von Luxus-Kreuzfahrtschiff flieht, wird das garantiert von Piraten gekapert, und wenn er versucht, mit einem Schweinetransport nach Hause zu kommen, landet er natürlich nicht auf Dreckswetter, sondern wieder auf Morgenröte. Wo er eigentlich nicht unbedingt hinwollte – schließlich ist er dort als Mörder plakatiert.
Glücklicherweise bekommt er Hilfe: von Millicent, der durchsetzungskräftigen Tochter seines Gegners Pembroke, in die sich Egg rettungslos verliebt, und von Guts, einem einhändigen Schiffsjungen, bei dem man heutzutage vermutlich Tourette diagnostizieren würde.
Diese Partnerschaft muss sich allerdings erst entwickeln, denn eigentlich lernen sich die Jungs bei einem Schaukampf auf einem Piratenschiff kennen, bei dem Guts Egg eine Kanonenkugel gegen den Schädel drischt. Was sich jetzt ziemlich brutal anhört, ist beim Lesen ziemlich lustig - an diesem Buch ist alles unterhaltsam, aber nichts furchteinflößend oder erschreckend. Schon gar nicht die Piraten, selbst wenn sie mal jemanden über Bord gehen lassen.

„Dreckswetter und Morgenröte“ kann nicht nur männliche Jugendliche begeistern, die sich gedanklich gerne auf Segelschiffen herumtreiben, geheimnisvollen Schätzen nachspüren und sich mit fiesen, übelriechenden Piraten und gewissenlosen Schurken herumschlagen wollen. Und dabei einen Helden der besonderen Art geliefert bekommen: Egg ist zwar klein, aber zäh und mit schnellen Instinkten gesegnet, wenn es drauf ankommt. Auch weibliche Leserinnen kriegen mit der famosen Millicent ihr Role Model - mutig, einfallsreich und loyal. Manchmal ein wenig sehr von sich überzeugt, aber auch das hat Charme. „Bist du sicher, dass wir gen Westen segeln?“fragt Egg angesichts der Tatsache, dass die Sonne vor ihnen aufgeht. „Sie setzte sich aufrecht hin und starrte in den Sonnenaufgang. „Das ist ja sehr merkwürdig. Sie geht an der falschen Stelle auf.“
Am Ende ist es dann auch Millicent, die mit einer phantasievollen Volte den Showdown zwischen ihrem Vater und Egg entschärft. Wodurch Band 1 der Serie damit enden kann, dass Egg sich gemeinsam mit Guts in die Neuen Länder nach Pella Nonna einschifft, um das Geheimnis des Schatzes zu lüften. Nur noch eine Saison, bis sie dort ankommen und „New Lands“ bei uns erscheint – erfreulicherweise. Denn man kann auch eine Insel wie „Dreckswetter“ vermissen …