
Timothée de Fombelle: Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle
Jedes Mal, wenn jemand sagt: „Ich glaube nicht an Feen“, fällt irgendwo eine Fee tot um. Das wissen wir seit Peter Pan. Doch wenn Sie Timothée de Fombelles „Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle“ lesen, retten Sie ein Feenleben. Und eine große, große Liebe.
Hildesheim: Gerstenberg 2017
Jedes Mal, wenn jemand sagt: „Ich glaube nicht an Feen“, fällt irgendwo eine Fee tot um. Das wissen wir seit Peter Pan. Doch wenn Sie Timothée de Fombelles „Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle“ lesen, retten Sie ein Feenleben. Und eine große, große Liebe.
Als der namenlose jugendliche Ich-Erzähler tief in den Wäldern auf einen geheimnisvollen Sonderling trifft, hat er keine Ahnung, wen er da vor sich hat. Rätselhaft bleiben ihm die unzähligen Koffer mit den vielen kleinen Schachteln darin, die Monsieur Perle wie einen Schatz hütet und katalogisiert. Es wird fünfundzwanzig Jahre dauern, bis der Erzähler hinter das Geheimnis kommt, dessen unglaubliche Geschichte erfährt.
Die Geschichte des Prinzen Iliån, der von seinem grausamen Bruder aus den Märchenlanden verbannt wird, in die einzige Zeit, das einzige Land, wo man nicht mehr an Märchen glaubt. Und damit wird er auch von seiner Liebe, der Fee Oliå, getrennt, die sich um seinetwillen von allen Zauberkräften losgesagt hat. Umsonst. Sie kann ihm zwar in die andere Welt folgen, doch unter einer furchtbaren Bedingung: Er darf sie nicht sehen. Wenn er sie erkennt, verschwindet sie.
So findet sich Prinz Iliån plötzlich im Paris des Jahres 1936 wieder, wird vom Zuckerbäcker Perle aufgenommen, nimmt den Namen des toten Sohnes an, Joshua. Zieht in den Krieg, kämpft im Widerstand gegen die Nazis, gerät in Gefangenschaft, entkommt, übernimmt nach Kriegsende das Geschäft der Perles, die 1942 als Juden deportiert wurden. Muss vor den Söldnern fliehen, die ihm sein Bruder aus der Märchenwelt hinterher geschickt hat, zunächst in die Wälder, wo der Ich-Erzähler auf ihn trifft, am Ende bis nach Venedig.
All die Jahre ist Joshua Iliån verzweifelt auf der Suche nach Beweisen für die Existenz seiner Heimat. Wenn er die Zweifel daran in dieser Welt beseitigt, wird er den Fluch auflösen, nach Hause in die Feenwelt zurückkehren können, wieder mit Oliå vereint sein, für immer. Unbeachtete Gegenstände sind die Wegmarken für seinen Rückweg, Kleinode, um deren Besonderheit und Wert nur er weiß. Was für die Menschen nur Gerümpel ist, erkennt er als Stück eines Siebenmeilenstiefels, als Schuppe einer Sirene. Trägt in seinen Koffern „den unwahrscheinlichsten Schatz zusammen, den Sammlerleidenschaft je geschaffen hat“.

In beeindruckender Leichtigkeit verbindet Timothée de Fombelle drei recht konträre Erzählebenen miteinander: das Schicksal Iliåns in der erbarmungslosen Realität der Kriegs- und Nachkriegsjahre, das dramatische Geschehen in der Welt des „Es war einmal“, das Erleben des gegenwärtigen Ich-Erzählers, der zum Chronist der Geschichte von Iliån und Oliå wird. Die behauptete Durchlässigkeit zwischen den Welten spiegelt sich in der Mühelosigkeit, mit der die Passagen einander abwechseln, ohne Verwirrung zu stiften, in ihrem Wechsel eine stimmige Chronologie schaffen. Ohne Anstrengung verbinden sich die - in diesem Text nur angedeuteten - Gräuel des Krieges in unserer Welt mit der viel expliziter dargestellten Grausamkeit in der Feenwelt zu einer bruchlosen Erzählung. Was vor allem an der sehr poetischen, sehr melodiösen Sprache liegt, an der durchgängigen melancholischen Grundstimmung in allen Welten, allen Zeiten. Das ist aus einem Guss, weil es eben zusammengehört. Weil dieses Buch die Bestätigung für die Existenz der anderen Welt ist, eine Enklave der Feenwelten. So wie Monsieur Perle wird der Erzähler selbst zum Botschafter der Märchenreiche.
„Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle“ ist eine wunderschöne und dabei spannende Reverenz an die Macht der Vorstellungskraft: „Denkst du daran, was sie gerade tut?“, wird Iliån gefragt. Als er verneint, erfährt er: „Du solltest es dir vorstellen. (…) Damit fängt alles an. Das Leben kommt gleich danach. Wie ein kleiner Hund folgt es der Fantasie“ (S.188). Fantasie erschafft Leben. Dieses Buch ist der Beweis dafür.