Iain Lawrence: Die Tochter des Leuchtturmwärters

Lawrence stellt ein junges Mädchen in den Mittelpunkt und entwickelt rund um sie ein Vierpersonendrama erster Güteklasse.

Aus dem Englischen von Christoph Renfer
Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2005


„Die Tochter des Leuchtturmwärters“: Schon der Titel des neuen Jugendromans von Iain Lawrence lässt Bilder entstehen, weckt Assoziationen, Phantasien. Ist doch die Idee eines Lebens in völliger Abgeschiedenheit ein faszinierendes literarisches Motiv – siehe Ibsens „Frau vom Meer“. Auch Lawrence stellt ein junges Mädchen in den Mittelpunkt und entwickelt rund um sie ein Vierpersonendrama erster Güteklasse.

Elizabeth, Krabbe genannt, wächst mit ihrem älteren Bruder Alastair auf Lizzie Island auf, einem Naturparadies, abgeschieden von jeglicher Zivilisation. Für ihrenVater Murray, den Leuchtturmwächter, das einzig vorstellbare Leben, für die Mutter eine Mischung aus Segen und Fluch. Für die Kinder ein Leben der Extreme, ständig pendelnd zwischen der Liebe zur Insel und der Verzweiflung in ihrer Isolation. Krabbe, willensstark und eigensinnig, gelingt – selbst noch ein Kind - die Trennung, als sie nach einer Zufallsnacht mit einem Abenteurer schwanger wird. Ihr Bruder jedoch zerbricht an dem Konflikt, nicht bleiben, aber auch nicht gehen zu können, ohne den geliebten Vater zu verletzen und sein Wort zu brechen. Er begeht Selbstmord.

Lawrence zeichnet das Psychogramm einer Familie in einer nur schwer nachvollziehbaren Closed-Room Situation. Der Vater, blind in seinem egozentrischen Wunsch, auf der Insel zu bleiben. Rauh und streng, aber auch von einer hilflosen Zärtlichkeit, die sich nicht ausdrücken kann. Hannah, die Mutter, die vor Schwierigkeiten die Augen verschließt, um nicht mehr Schmerz zu fühlen, als sie ertragen kann. Krabbe selbst, früh erwachsen und immer noch kindlich, empfindsam und dickfellig zugleich. Und Alastair: ungeheuer sensibel, belesen, wissensdurstig, zart. Der seine Schwester liebt, mehr, als sie begreifen kann.

Erzähltechnisch gleicht der Roman einem Webteppich, der sein Geflecht über vierzehn Jahre hinweg ausbreitet. Der Text setzt ein, als Krabbe, nun siebzehnjährig, mit ihrer kleinen Tochter noch einmal auf die Insel zurückkehrt, bevor sie nach Australien gehen. Noch dominieren Schuldzuweisungen, Ablehnung und Trauer, scheinen die Gräben unüberwindbar. Dass ihre Tochter vom ersten Moment an eins mit der Insel zu sein scheint und sich stark zu ihrem Großvater hingezogen fühlt, erfüllt Krabbe mit Zorn und Eifersucht.

Doch nachdem sie die Tagebücher ihres Bruders fertiggelesen und im wörtlichen Sinn begraben hat, ist es ihr möglich, sich mit ihrer Vergangenheit auszusöhnen. Sie akzeptiert, dass die Insel Teil ihrer selbst und ihrer Tochter ist und lässt das Mädchen für einen Monat in der Obhut von Murray und Hannah zurück.

Diese erzählte Gegenwart wird laufend von den Rückblenden Krabbes und ihrer Mutter sowie von den Tagebuchaufzeichnungen Alastairs durchbrochen, wodurch langsam die Entwicklungslinien deutlich werden, die sich unaufhaltsam auf die Katastrophe zubewegen. Geschickt lässt der Autor Lücken, die sich erst nach und nach füllen, bis puzzleartig das Gesamtbild entsteht.

Cover
Lawrence beobachtet genau und setzt seine Sprache sehr bewusst ein: Schnörkellos die Dialoge, bilderreich die Schilderungen der Naturszenerie. Die der Autor übrigens aus eigenem Erleben kennt, hat er doch selbst als Wärter auf einem abgelegenen Sendeturm bei Vancouver gearbeitet.

Die innere Spannung des Textes entwickelt sich aus seiner Mehrdimensionalität, aus dem Facettenreichtum der dargestellten Charaktere. Dazu kommt das Geschick, unaufdringlich Metaphern einzusetzen. Wie Naturereignisse zu Beziehungen und Entwicklungen parallelgeschaltet werden. Wie die Unfähigkeit, Probleme anzusprechen mit den Beschreibungen von Körperhaltungen und Gesten korrespondiert, wie nonverbale Signale den Bedeutungstransport übernehmen.

„Die Tochter des Leuchtturmwärters“ beschäftigt den Leser, die Leserin, auch nach dem Ende der Lektüre. Iain Lawrence ist es gelungen, einen fesselnden, berührenden Text zu schreiben, der Themen wie Liebe, Vergebung, Einsamkeit, Tod und Leben bringt. Das klingt nach großen Emotionen. Genau.

Karin Haller