
Michael Wildenhain: Die Schwestern
Eines Tages ist sie plötzlich da, und Manuel weiß, dass von jetzt an nichts mehr so sein wird, wie es war: Ortrun, eine dunkle Schönheit mit hypnotisch grünen Augen, faszinierend in ihrer rauen Kompromisslosigkeit, in jeder Hinsicht außergewöhnlich.
Eines Tages ist sie plötzlich da, und Manuel weiß, dass von jetzt an nichts mehr so sein wird, wie es war: Ortrun, eine dunkle Schönheit mit hypnotisch grünen Augen, faszinierend in ihrer rauen Kompromisslosigkeit, in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Sie kann gut mit Messern umgehen, arbeitet nebenbei als Putzfrau in einem Nachtclub, auf ihren Armen verteilen sich die Narben von Schnittwunden, irgendwann verschwindet sie kurz im Jugendarrest. Sie ist von „einer Entschlossenheit, die besagte: Niemand tritt mir zu nahe, und wenn, dann wird derjenige es garantiert bereuen.“
Schon bald taucht auch ihre Zwillingsschwester auf – Susanne: kleiner, schmaler, zarter, mit blonden Haaren, leicht hinkend. Eine Lyrikliebhaberin, bei deren Beschreibungen auffallend oft von Sonne und Licht die Rede ist. Zwei gegensätzliche Pole, hell gegen dunkel, schwach gegen stark.
Sie spielen mit dem Jungen wie mit einer Flipperkugel, ohne dass er sich dagegen wehren kann. Zu groß ist die Anziehungskraft der beiden Schwestern, die ein dunkles Geheimnis umgibt. Warum können sie, die früher in untrennbarer Symbiose miteinander verbunden waren, sich nur noch in der Abgrenzung voneinander definieren? Was ist in jener Nacht passiert, von der jede nur in Andeutungen erzählen kann?
Immer mehr verwickelt sich Manuel in diesem undurchsichtigen Konkurrenzkampf. Ohne das Geschehen beeinflussen zu können, das bereits eine unsteuerbare Eigendynamik besitzt: „Hin und wieder geschehen Dinge, die, einmal angestoßen, nicht mehr zu stoppen sind.“
Müsste ich den Titel „master of suspense“, der ja für immer Alfred Hitchcock gehört, an einen deutschsprachigen Jugendbuchautor vergeben, würde ich mich in diesem Herbst für Michael Wildenhain entscheiden. Sein neuer Roman „Die Schwestern“ führt von der ersten Seite an vor, wie Spannungsaufbau optimal funktionieren kann. Verteilt Informationen nur häppchenweise, lässt den Leser in Unsicherheit schweben, führt den Bogen bis zum ultimativen Showdown. Zu einem Ende, das an Dichte und Intensität nichts zu wünschen übrig lässt.
Und das kann Michael Wildenhain wirklich: dicht und intensiv erzählen. Auch wenn die Grundsujets – Mann zwischen zwei Frauen, rivalisierende Zwillinge, coole Jugendliche, überforderte Lehrer – bekannt erscheinen, bleibt die Spannung doch durchgehend aufrecht.

In großer Bildhaftigkeit schafft der Autor Schauplätze und Charaktere, die man beim Lesen unmittelbar vor sich zu sehen meint. Das Gelände einer stillgelegten Firma als Cliquentreffpunkt, das Klassenzimmer, in dem die Jungs in der letzten Reihe weder ihre Jacke ausziehen noch ihr Basecap abnehmen, mit verschränkten Armen und weit von sich gestreckten Beinen schweigend dasitzen.
Die Darstellung des schulischen Ambientes und der innerhalb der Peer Groups geltenden Codes, die Kommunikationsmechanismen und Umgangsformen unter den Jugendlichen zählen zu großen Stärken des Westberliner Autors – schon seit seinem ersten Jugendroman 1994, „Wer sich nicht wehrt“, in dem er sich mit dem Thema „Gewalt in der Schule“ auseinandersetzt.
„Zwei Schwestern“ ist nun weniger themenzentriert, keine klassische Unterrichtslektüre, dafür umso geeigneter für die abendliche Lektüre im Bett. Bei diesem Buch sollte nur eine Nachttischlampe brennen. Hitchcock – Filme schaut man sich ja auch nicht bei Tageslicht an.