
Judy Blundell: Die Lügen, die wir erzählten
Manche Bücher sind wie Kino, lassen Bilder wie einen Film vor einem ablaufen. Judy Blundells Roman „Die Lügen, die wir erzählten“ ist so ein Buch.
Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 2010
Manche Bücher sind wie Kino, lassen Bilder wie einen Film vor einem ablaufen. Judy Blundells Roman „Die Lügen, die wir erzählten“ ist so ein Buch. Die Bilder sind schwarz-weiß, die Kinosessel plüschig und weich, in der Luft liegen das Rascheln von Petticoats, Zigarettenrauch und der Duft von schwerem Parfum. Auf der Leinwand spielen Lauren Bacall und Humphrey Bogart, exerzieren die Dramatik eines Lebens voller Schicksalsschläge.
Queens, 1947. Der Krieg ist vorbei, die Männer sind wieder zu Hause, die Wirtschaft boomt. Auch Evie will so sein wie die Hollywood-Stars: Schön, selbstsicher, lasziv. Umso mehr, als ihre auffallend attraktive Mutter dem Ideal sehr nahe kommt und sie selbst meilenweit von diesem Glamour entfernt ist: Unsicher und linkisch, nur darauf wartend, sechzehn zu werden und Lippenstift und Erwachsenenkleider tragen zu dürfen.
Und dann bricht ihr Stiefvater Joe plötzlich Hals über Kopf mit ihnen nach Palm Spings auf, wo sie im mondän-heruntergekommenen Hotel „Le mirage“ Quartier beziehen. Dort treffen sie wie zufällig auf Peter, einen ehemaligen Soldatenkameraden von Joe - und Evie verliebt sich sofort und bedingungslos in den gutaussehenden, redegewandten Charmeur. Indem sie − gemeinsam mit ihrer Mutter − viel Zeit mit ihm verbringt, gibt sie sich immer mehr der Hoffnung hin, wiedergeliebt zu werden. Bis die drei Erwachsenen – ihr Stiefvater, ihre Mutter und Peter − einen Bootsausflug machen, und ein Hurrikan nicht nur ihrer Liebe ein abruptes Ende setzt. Denn Peters Tod ist kein Unfall, und Evie kommt im Zuge der Ermittlungen immer mehr hinter das dichte Netz von Lügen und Selbsttäuschungen, in dem sie sich alle zusammen verfangen haben.
Judy Blundell, die ihren Text mit einer Fülle von Querverweisen auf Film, Musik und Mode der amerikanischen Vierzigerjahre durchsetzt und eine intensiv spürbare Atmosphäre der damaligen Zeit schafft, zitiert nicht umsonst gleich zu Beginn das stilbildende Melodram „Mildred Pierce“, zu deutsch „Solange ein Herz schlägt“ mit Joan Crawford. „Die Lügen, die wir erzählten“ ist eine bravouröse literarische Variation des Film noir: Mit großem Geschick baut die Autorin ihren Spannungsbogen auf, verwendet Rück- und Vorausblenden, lässt die junge Ich-Erzählerin schon im Prolog klarstellen, dass die Geschichte kein Happy End haben wird.
Es dominieren kräftige Hell-Dunkel Kontaste, auffällige Schatten, die jedoch immer auch von einer Art nebelhaftem Grauschleier verhangen sind. Das Zwielicht wird nur punktuell und zeitweilig beleuchtet, so wie auch die Charaktere keine eindeutigen Gut-Böse Zuordnungen zulassen – die Erwachsenen in diesem Buch sind nicht nur für Evie, sondern auch für den Rezipienten nicht so ohne weiteres einzuordnen oder zu durchschauen. Die Figuren folgen keinen klaren moralischen Vorgaben, changieren in ihrem Verhalten und Wesen – so wie man als Leser zwischen Sympathie und Ablehnung schwankt.

„Ich würde meine Mutter lieben, aber ich würde nie mehr wünschen, sie zu sein. Ich würde nie mehr so sein, wie ein anderer mich haben will. Ich würde nie mehr über einen Witz lachen, den ich nicht lustig finde. Ich würde nicht mehr lügen. Von nun an würde ich die Wahrheit sagen. Das würde hart werden. Aber ich bin härter.“
So lässt sich der Text auch als eine Coming of age –Geschichte lesen, in der die Protagonistin von kindlich-naiver Abhängigkeit zu erwachsener innerer Eigenständigkeit reift. Noch viel mehr ist er aber eine Mischung aus psychologischem Krimi, Thriller und Gerichtsssaaldrama, der den Lesenden in einen spannenden Sog aus Halbwahrheiten, Lügen und Geheimnissen zieht. Überraschend dabei ist, dass in diesem Plot auch eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus, mit kollektiver Schuld und Wiedergutmachung stattfindet.
Unter ihrem Pseudonym „Jude Watson“ veröffentlichte Judy Blundell ganze Romanreihen zu „Star Wars“, nun hat sie nicht nur den Namen, sondern auch das Genre gewechselt. Die Tatsache, dass sie dafür mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, möge sie ermutigen, dabei zu bleiben. Denn „Die Lügen, die wir erzählten“ gehört zu den Büchern, für die man auch eine Verabredung ins Kino gerne absagt.