John Green: Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)

Bei manchen literarischen Figuren hat man das Gefühl, man würde sie in der Realität nur schlecht aushalten – und beim Lesen amüsiert man sich köstlich über sie.

Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz
München: Hanser 2008


Bei manchen literarischen Figuren hat man das Gefühl, man würde sie in der Realität nur schlecht aushalten – und beim Lesen amüsiert man sich köstlich über sie. Colin Singleton in John Greens neuem Jugendroman „Die erste Liebe nach 19 vergeblichen Versuchen“ ist so ein Typ. Ehemaliges Wunderkind und nun auch schon siebzehn, ohne etwas wirklich Bedeutendes geschafft zu haben, spricht zwölf Sprachen und verbringt seine Zeit am liebsten damit, Anagramme zu bilden. Ein leptosomer, bebrillter Klugscheißer, dessen soziale Kompetenz ziemlich unterentwickelt ist. Aber er ist zweifellos außergewöhnlich – sodass er es im Laufe seines Lebens immerhin schon auf 19 Beziehungen gebracht hat, die kürzeste dauerte zweieinhalb Minuten. Alle seine Lieben hießen Katherine, und alle haben ihn verlassen. So wie die letzte, K 19.

Sodass er sich nun, am Beginn des Romans, mit dem Kopf im Teppich vergraben hemmungslos seinem Selbstmitleid hingibt. Bis sein Freund Hassan kommt, der einzige, der es auf Dauer mit ihm aushält. In allem das komplette Gegenteil von Colin: Hassan, nicht sonderlich religiöser Muslime libanesischer Abstammung, ist dicklich, pointenreich schlagfertig, und vor allem völlig ehrgeizlos. Colins zwanghafter Drang, berühmt und bedeutend zu werden, findet in Hassans fröhlichem Nichtstun Ergänzung und Widerpart.

Die beiden ungleichen Freunde brechen auf zu einer Fahrt ohne Ziel, die sie in einem Kaff in Tennessee stranden lässt. In Gutshot treffen sie auf Lindsay und ihre unkonventionelle Mutter Hollis und werden sofort in die Familie aufgenommen. Die folgenden Wochen, in denen Colin manisch an einer Formel zur Berechnung des Verlaufs von Liebesbeziehungen arbeitet, Hassan zum ersten Mal ein Mädchen küsst und die beiden Jungs unter anderem von einem Hornissenschwarm verfolgt werden, verändern das Leben aller Beteiligten. Colin schaut immer mehr über die Grenzen seines ich-bezogenen Universums, in der er bislang gefangen war, Hassan entdeckt seine Freude daran, etwas zu tun, anstatt sich nur „Fernsehrichterin Judy“ anzuschauen, Lindsay überwindet ihre Minderwertigkeitskomplexe und trennt sich von Menschen und Verhaltensweisen, die ihr gar nicht entsprechen.

Und am Ende gibt es für Colin nicht nur sein ersehntes „Heureka“ – Erlebnis, indem er feststellt, dass die Zukunft nicht berechenbar ist, sondern – nach 19 vergeblichen Versuchen mit Katherines – auch seine erste Lindsay.

Cover
Dieser Roman ist ein Jugendbuch par excellence, Aufbruch ins Ungewisse und Selbstfindung inklusive. Und es ist auch wieder ganz anders: Da werden Anagramme gebildet und mathematische Formeln aufgestellt, Fußnoten gesetzt, da wird – mit Übersetzung - in mehreren Sprachen gesprochen. Das liest sich flüssig und anstrengungslos in der schnellen, ereignisreichen Story mit, die Road-Movie, Entwicklungsroman, Freundschafts- und Liebesgeschichte in einem ist.

Herausragend dabei ist John Greens schräger Humor, mit dem er die beiden Hauptdarsteller ausgesprochen komische Dialoge führen lässt, Charaktere zeichnet und sich Aberwitzigkeiten gönnt, die einem erst einmal einfallen müssen. In Gutshot fahren Colin und Hassan zum Beispiel deshalb ab, weil dort angeblich die sterblichen Überreste des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand begraben liegen.

Wie schon in seinem ersten, mehrfach preisgekrönten Buch „Eine wie Alaska“ schafft der knapp 30jährige amerikanische Autor Protagonisten, die sich in keine Schablone pressen lassen und sich vielleicht gerade deshalb hervorragend als Identifikationsfiguren eignen. Mit Hassan, dem unverwüstlichen, gnadenlos ehrlichen, toleranten und witzigen Nichtstuer wäre man vermutlich gerne befreundet, Colin würde einem mit seiner hilflosen Bettelei um Liebe und Anerkennung vermutlich auf die Nerven gehen. Fasziniert ist man von beiden – und es fällt richtig schwer, sich von ihnen am Ende des Buches zu trennen.

„Die erste Liebe nach 19 vergeblichen Versuchen“ ist amüsantes kluges Lesevergnügen nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene. Colins Formel, wer wen wann in einer Beziehung abservieren wird, ist schließlich in jedem Alter interessant….

Karin Haller