Jenny Jägerfeld: Der Schmerz, die Zukunft, meine Irrtümer und ich

Es beginnt blutig: Im Kunstunterricht sägt sich Maja mit der Stichsäge unabsichtlich die Spitze ihres Daumens ab. Und ohne Wunden geht es für die 17jährige Ich-Erzählerin in Jenny Jägerfelds „Der Schmerz, die Zukunft, meine Irrtümer und ich“ auch nicht weiter, ganz im Gegenteil.

Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
München: Hanser 2014


Es beginnt blutig: Im Kunstunterricht sägt sich Maja mit der Stichsäge unabsichtlich die Spitze ihres Daumens ab. Und ohne Wunden geht es für die 17jährige Ich-Erzählerin in Jenny Jägerfelds „Der Schmerz, die Zukunft, meine Irrtümer und ich“ auch nicht weiter, ganz im Gegenteil. Wobei ein abgesägter Daumen, Holzsplitter im Fuß oder ein Cut in der Stirn nicht die schlimmsten Verletzungen sind, mit denen das Mädchen fertig werden muss – denn das sind ja schließlich nur die äußeren.

Von Anfang an ist klar, dass Maja irgendwie anders ist. Wenn alle anderen zum Thema „Skulptur“ brav vor sich hintöpfern, sägt sie an einem Regal. Sie ist eine Einzelgängerin: Wortgewandt, intelligent, reflexiv, provokant, allein schon durch ihr Äußeres, ihre schwarz gefärbten rasierten Haare, ihre schräge Kleidung, „bleich wie eine englische Leiche. Ich war der Tod auf Latschen“. Im Umgang mit ihrer Umwelt hat sie sich ein Arsenal an Distanz erzeugenden Verhaltensweisen zugelegt, im Spiegel übt sie kalte und von allem unberührte Blicke, in Konfrontationen wählt sie die Strategie „Attacke“. Ihr Freundeskreis ist überschaubar, außer zu ihrem Klassenkameraden Enzo hat sie praktisch keine sozialen Kontakte, übrigens auch keine virtuellen. Facebook verweigert die Non-Konformistin, den Computer verwendet sie vorrangig dafür, die Nachrichten an ihren Vater zu hacken, in dessen chaotisches Privatleben sie sich ohne mit der Wimper zu zucken einmischt. Bei ihm lebt sie, ihre Eltern haben sich scheiden lassen, als sie drei Jahre alt war. Alle vierzehn Tage besucht sie für ein Wochenende ihre Mutter.

Doch an diesem Freitag im April ist plötzlich alles anders. Ihre Mutter ist verschwunden, die Wohnung verlassen, es gibt nur kryptische e-mails, von denen man nicht einmal genau weiß, ob sie echt sind. Anstatt die Polizei oder zumindest ihren Vater zu benachrichtigen, bleibt Maja bei ihrem bewährten Muster: Schweigen, sich das Hirn zermartern, versuchen, alles alleine auf die Reihe zu bekommen. Nur Fremden kann sie sich anvertrauen. Einer zufälligen flüchtigen Bekanntschaft oder dem drei Jahre älteren Nachbarn ihrer Mutter, Jens, in den sie sich aus dem Stand verliebt.

Es ist nur eine Woche der Unsicherheit, bis Maja herausfindet, was mit ihrer Mutter passiert ist – doch diese Woche hat es in sich. Die leidenschaftliche Affäre mit Jens ist dabei gar nicht das wichtigste emotionale Thema.

In der Auseinandersetzung mit deren Verschwinden begreift das Mädchen immer mehr, wie wenig sie von ihrer Mutter weiß, die immer schon sehr besonders, sehr speziell war. Sieht sich mit ihrer eigenen Einsamkeit konfrontiert, mit der Erkenntnis, wie sehr sie entgegen aller aufgesetzt coolen „ich komme mit allem bestens klar“-Masken darunter leidet, wie sehr sie sich nach emotionaler und auch körperlicher Nähe sehnt.

Cover
Hier haben wir es mit einer sehr genau beobachtenden Ich-Erzählerin zu tun, die alles, auch sich selbst, mit dem Sezierbesteck analysiert und dabei durchaus existenzielle Fragen stellt: „Ich schwebe wie ein Satellit. Abgekoppelt. Ich habe keine Geschwister, an die ich mich anlehnen könnte, und erschreckend wenig Freunde. (…) Das Dach, das meine Eltern bildeten, war brüchig und voller Löcher. Braucht man Dächer? Braucht man Wände? Etwas, das einen schützt?“ (S.163) Nicht umsonst wird dieser Figur von ihren Lehrern bescheinigt, dass sie eine unglaubliche Begabung hat, sich auszudrücken…

Eingebunden in den straff geführten Spannungsbogen, den das Verschwinden der Mutter erzeugt, exekutiert diese Siebzehnjährige eines der klassischen jugendliterarischen Themen – die Identitätssuche. Die Suche nach der individuell stimmigen Mischung aus Nähe und Distanz, Offenheit und emotionalem Rückzug. Erwachsenwerden ist, zumindest in diesem Buch, nichts für Schwächlinge. Da muss man schon was aushalten können. Die Kunst dabei ist, nicht liegen zu bleiben, nicht auf dem Fußboden, das Gesicht im Dielenteppich, nicht im Straßengraben. Und wenn man Glück hat, zeigt sich wie bei Maja, dass man doch nicht allein und abgekoppelt von allen ist. Sondern dass es Menschen gibt, die einem dabei helfen, Wunden zu verbinden und Splitter aus dem Fleisch zu ziehen. Dann verheilen sogar abgesägte Daumen.

Karin Haller