
Meg Rosoff: Davon, frei zu sein
„An dem Morgen, als Pell Ridley heiraten sollte, stahl sie sich in der Dunkelheit aus ihrem Bett, küsste ihre Schwester zum Abschied, holte Jack aus dem Wind und Regen von der Weide herein und sagte ihm, sie würden weggehen.“
Frankfurt: S. Fischer 2010
„An dem Morgen, als Pell Ridley heiraten sollte, stahl sie sich in der Dunkelheit aus ihrem Bett, küsste ihre Schwester zum Abschied, holte Jack aus dem Wind und Regen von der Weide herein und sagte ihm, sie würden weggehen.“
In Meg Rosoffs neuem Roman „Davon, frei zu sein“, im Original „The Bride´s Farewell“, verweigert sich ein junges Mädchen ihrem vorbestimmten Leben als Ehefrau und Mutter, verlässt die Familie und das Dorf, um selbst über ihr Schicksal zu entscheiden. Begleitet von ihrem stummen Bruder Bean reitet sie zum Markt nach Salisbury, wo sie Arbeit zu finden hofft. Dort wird sie eine geheimnisvolle Zigeunerin kennenlernen, mit der sie mehr verbindet, als sie ahnt, dem verschlossenen Wilderer Dogman begegnen und sie wird alles verlieren - ihr Pferd Jack ebenso wie ihren kleinen Bruder. Am Ende findet sie nach einer monatelangen Odyssee beide wieder, wenn auch unter ganz anderen Umständen als gedacht. Und sie werden nicht zusammen bleiben. Denn jeder hat seinen eigenen Platz im Leben gefunden.
Meg Rosoff, die schon mit ihren Romanen „ So lebe ich jetzt“, „Was wäre, wenn“ und „Damals, das Meer“ mehrfach ausgezeichnete jugendliterarische Meilensteine vorgelegt hat, überzeugt diesmal im historischen Genre. Der Text führt in den Südwesten Englands Mitte des 19. Jahrhunderts, in eine düstere, von bitterer Armut, schwerer Arbeit, Hunger und Gewalt geprägte Welt. Und wie Rosoff davon erzählt, das macht „Davon, frei zu sein“ so außergewöhnlich: Die Schauplätze werden in ihrem Schmutz und ihrem Elend so bildlich vorstellbar, dass es einen beinahe graut: den kalten, feuchten Lehmhäusern, den stinkenden Zigeunerwagen, dem Pferdemarkt voller Lärm und Jauche fehlt jeglicher romantisierender Anstrich. Hier kämpfen die Menschen ohne Rücksicht auf andere um ihr Überleben, jeder für sich, und Sentimentalitäten oder Wehleidigkeiten sind ein Luxus, den sich keiner leisten kann. Gesprochen wird nur, was notwendig ist, nachgedacht wird darüber, wie man Essen und ein Dach über dem Kopf auftreibt, nicht über zwischenmenschliche Beziehungen oder über sich selbst.
So ist es möglich, dass die Motive, mit denen die Autorin arbeitet, zwar auf den ersten Blick klischeehaft wirken mögen – eine schöne junge Frau, die mit wallendem Haar auf einem weißen Pferd reitet, eine Zigeunerin als Racheengel, ein dunkler, abweisender Wilderer als Liebhaber – es aber überhaupt nicht sind.
Dazu sind sie in eine viel zu schmutzige, kalte, dunkle Welt eingebettet, sind die Figuren zu hart – gegenüber anderen und sich selbst. Dazu sind die Bilder, die der Text erzeugt, zu unschön, die Gefühle, die vermittelt werden, zu herb. Selbst wenn, mehr zwischen den Zeilen als direkt, von Liebe erzählt wird, bleibt der Text auf einer kühlen, fast pragmatischen Ebene.

Die Protagonistin ist eine Identifikationsfigur, mit der man nicht tauschen möchte, von der man sich aber gerne inspirieren lässt. Von der Konsequenz und Zielgerichtetheit, mit der sie ihren Freiheitskampf durchzieht, von ihrer Fähigkeit, sich nach Schicksalsschlägen immer wieder aufzurichten und weiter zu gehen.
Was sie gelernt hat, hat sie sich selbst beigebracht, Schulbildung war zu dieser Zeit für Mädchen kein Thema, doch ihr ungewöhnliches Talent, mit Pferden umzugehen, ermöglicht es Pell, ihre Freiheit zu leben. Rosoff präsentiert in diesem Buch auch umfangreiches Wissen über diese Tiere, das sie – so wie alle anderen Informationen über damalige Arbeits- und Lebensbedingungen, Kleidung, Ernährung, Landwirtschaft und soziale Strukturen − ganz unaufdringlich in ihre Geschichte einbindet.
Eine von Brigitte Jakobeit großartig übersetzte Geschichte, die dicht und schonungslos von einer anderen Zeit erzählt, von einer Odyssee, in der eine junge Frau alles aufgibt, um etwas zu gewinnen – ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.. Und am Ende wirklich bei sich ankommt.