
Michael Sieben: Das Jahr in der Box
Manche Behälter bergen problematische Inhalte, das wissen wir schon aus der griechischen Mythologie. Auch der sechzehnjährige Ich-Erzähler Paul in Michael Siebens neuem Jugendroman „Das Jahr in der Box“ hat so eine Schachtel vor sich, im halbleeren Zimmer sitzend, während seine Mutter rund um ihn den Umzug organisiert. Und er weiß: Wenn er die Box aufmacht, wird ihm die Luft wegbleiben.
256 S. | € 16,50
Manche Behälter bergen problematische Inhalte, das wissen wir schon aus der griechischen Mythologie. Auch der sechzehnjährige Ich-Erzähler Paul in Michael Siebens neuem Jugendroman „Das Jahr in der Box“ hat so eine Schachtel vor sich, im halbleeren Zimmer sitzend, während seine Mutter rund um ihn den Umzug organisiert. Und er weiß: Wenn er die Box aufmacht, wird ihm die Luft wegbleiben.
Gefüllt hat er sie nämlich selber, mit Gegenständen aus seinem Leben, seit er nach Wicker gezogen ist: Kinokarten, eine Dose Mentos, eine Sonnenbrille, ein kaputtes I-Phone, ein Messer. Nur auf den ersten Blick unschuldige, nichtssagende Dinge. „In der Box stecken so viele dunkle Erinnerungen, die mich wahnsinnig traurig machen, die mich wütend und verzweifelt werden lassen. Aber es sind auch die anderen Momente in der Box. Die guten Erinnerungen, die manchmal durchscheinen.“
Dann macht er sie doch auf, die Box, und die Erlebnisse des letzten Jahres werden lebendig: Der Terror durch seinen Mitschüler Wieland, dem er in der sozialen Enge der Kleinstadt wehrlos ausgeliefert ist. Seine Freundschaft zu den anderen beiden Außenseitern der Klasse, Ken und Mehmet, denen er immer näher kommt, da kann Ken sich selbst noch so vehement als „MoF – Mensch ohne Freunde“ charakterisieren. Die Begegnung mit Mara, in die er sich vom Fleck weg verliebt. Und, am Ende, der Tod seines Freundes, den er mitansieht.
Michael Sieben verschränkt die beiden zeitlichen Erzählebenen: Nur durch die schonungslose Konfrontation mit der Vergangenheit wird die Gegenwart erträglich und eine gute Zukunft möglich. Das klingt nicht gerade leichtfüßig, und tatsächlich sind zentrale Sujets des Buches – Mobbing, Schuldgefühle und Tod – thematische Schwergewichte. Und doch ist die Lektüre nicht dunkel, sondern auch sehr unterhaltsam – was an der formalen Umsetzung liegt: Schon in seinem Debüt „Ponderosa“ vor vier Jahren demonstrierte der Autor, dass er an Jugendliche, ihre Gefühlswelt und ihre Sprache sehr nahe drankommt, ohne sich anzubiedern oder peinlich zu werden. Die Dialoge sind pointiert, der Text ist mit viel trockenem Witz durchzogen. Und die Figuren berühren, sogar die Nebencharaktere, allen voran eine der sympathischsten und coolsten Mutterfiguren der neueren Jugendliteratur. Und natürlich die Protagonisten:
Die drei Freunde Paul, Ken und Mehmet sind die klassischen liebenswerten Nerds: Mehmet, dick und ein bisschen schmuddelig, der stundenlang das gleiche Game spielt, eine Seele von Mensch, mitfühlend, ehrlich und witzig. Ken, klein gewachsen und mit einer umso größeren Klappe, der sich nichts gefallen lässt und auch schon mal sein Messer einsetzt, um sich Respekt zu verschaffen. Der Ich-Erzähler Paul, der sich selbst unter anderem so charakterisiert: „Auf eine Party gehen ist für mich wie eine Mathearbeit schreiben: Es ist kein Spaß und im besten Fall machst du keine Fehler.“ Pauls größte Leidenschaft ist das Schreiben an einer Superhelden-Story, zumindest bis zu Markos Tod. Danach hört er auf, sich Geschichten auszudenken, er kann es einfach nicht mehr.

Im Fall von „Das Jahr in der Box“ greift man als Rezensentin nicht zu den Waffen, sondern applaudiert. Weil Themen, die man früher „problemorientiert“ genannt hat, nicht mit moralinsaurer Belehrungsattitüde abgearbeitet und die Herausforderungen nicht zwingend einer alles auflösenden Bewältigung zugeführt werden. Pauls Erlebnisse des letzten Jahres – die Misshandlungen, der Tod des Freundes – sind nichts, was „überwunden“ werden muss. Das machen die letzten Sätze unmissverständlich klar: „Du kannst gleichzeitig glücklich und traurig sein. Das geht“, hat Ken gesagt, als wir ihn in Berlin überrascht haben. Heute weiß ich, was er damit gemeint hat.“