
Marie-Aude Murail: Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler
inspiriert von der Biografie Beatrix Potters
Frankfurt/M.: Fischer 2011
„ Dem Manne das Schwert, der Frau die Nadel“: Von der Selbstverständlichkeit eines selbstbestimmten weiblichen Lebens ist Charity Tiddler, überbehütetes Mädchen aus wohlhabendem Hause, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts weit entfernt. In der Welt, von der die Ich-Erzählerin berichtet, haben Kinder weitgehend unsichtbar zu sein und Mädchen möglichst schnell möglichst reich zu heiraten, wenn sie nicht als alte Jungfer enden wollen. Dass eine junge Frau sich ihren Lebensunterhalt selbst verdient, indem sie Kinderbücher schreibt und zeichnet, ist nicht nur außergewöhnlich, sondern geradezu anrüchig.
In „Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler“ lässt sich die französische Autorin Marie-Aude Murail von der Biographie Beatrix Potters inspirieren – und schreibt deren fiktive Autobiographie. Beatrix Potter, die schon mit ihrem Erstling „Peter Rabitt“ unter ihren Zeitgenossen erfolgreich war, ist bis heute ein Begriff geblieben: „Once upon a time, there were four little Rabbits, and their names were – Flopsy, Mopsy, Cotton Tail and Peter.” Das klingt manchen immer noch im Ohr.
Kaninchen, Enten und anderes Kleingetier spielen nicht nur im Werk Beatrix Potters, sondern naturgemäß auch in diesem Buch eine nicht unbedeutende Rolle. Für die introvertierte, oft bis zur Sprachlosigkeit schüchterne Charity, die in der Isolation ihres Kinderzimmers Shakespeare auswendig lernt, werden die Tiere zu Spiel- und Gesprächspartnern und vor allem zu emotionalen Bezugspunkten. Denn ihre Eltern schlagen, was Herzenswärme anbelangt, nicht gerade über die Stränge. „In der Tat“ ist die nahezu einzige sprachliche Äußerung, zu der sich der – im übrigen durchaus sympathisch gezeichnete – Vater hinreißen lässt. Nach einer sehr schweren Krankheit heißt es:
„Während meiner Genesung ließ Mama mir einen Blumenstrauß heraufbringen und Papa schenkte mir eine hübsche Dose mit Konfekt, was an Intensität in überschwänglicheren Familien der Szene entspricht, in der die Eltern schluchzend am Bett ihres Kindes zusammenbrechen und Gott danken, dass er es verschont hat.“ (S. 366)
Murail lässt ihre Protagonistin mit staubtrockenem Humor erzählen – Ironie, Selbstironie und auf den Punkt gebrachte Situationskomik ziehen sich durch die 570 Seiten.
Und so kommt es, dass dieser Schmöker, der bei aller Leichtigkeit des Textes physisch fast ein Kilogramm auf die Waage bringt, in keiner Passage langweilig wird, sondern beim Fortschreiten dieses natürlich ganz und gar nicht unbedeutenden Lebens große Sogwirkung entwickelt.
Die Jahre 1875 – 1896 bilden den zeitlichen Erzählrahmen, 21 Jahre, in denen sich Charitys Entwicklung zunächst im Einklang, später immer mehr im Kontrast zum Regelwerk ihrer bürgerlich-konservativen Umgebung vollzieht, bis das Mädchen ihre Außergewöhnlichkeit schließlich als Geschenk und nicht als Fluch wahrnehmen und leben kann.

„George Bernhard Shaw: Was wollen Sie von mir? Und bitte, haben Sie Erbarmen, sagen Sie mir nicht, dass Sie ein Stück geschrieben haben und davon träumen, dass es aufgeführt wird! Ich: Nein, Mr Shaw, ich liebe das Theater, aber ich zeichne Kaninchen. George Bernhard Shaw: Eine weise Entscheidung. Die Nation braucht ihre Kaninchen.“
Formal kombiniert Murail klassische Prosa mit kürzeren oder längeren Passagen, in denen die Dialoge wie ein dramatischer Text inklusive Sprechermarkierungen gestaltet sind: Dialoge, die von hoher Pointendichte und subtilem Witz gekennzeichnet sind, und spätestens an dieser Stelle ist die Leistung des Übersetzers Tobias Scheffel zu würdigen. Zum Charme des Buches tragen auch die an den Potter-Stil angelehnten Illustrationen von Philippe Dumas bei; und alles zusammen ergibt eine Lektüre, die alle Altersbegrenzungen sprengt. Großartig in jeder Hinsicht. In der Tat.